Gaddafis Leiche wurde im Kühlhaus ausgestellt - das empörte.

Das ist Positionsflexibilität: BILD-Mann Franz Josef Wagner schrieb über die Debatte um die Bilder der Gaddafi-Leiche: „…In unserer Welt zieht man den Reißverschluss des Leichensacks zu. Wer immer auch tot ist, hat seine Würde.”

Bemerkenswert, schließlich schrieb doch Wagner im Mai 2011, als es um die (Nicht)Veröffentlichung der Fotos der Leiche von Osama Bin Laden ging: „Ich denke, man sollte den toten Bin Laden der Welt zeigen. Sein zerschossenes Gesicht gehört zu den Bildern von 9/11.” Und in einem anderen Beitrag: «Osama bin Laden ist tot. Amerika feiert. Drei Jubel-Feiern hätte ich in meinem Leben gerne erlebt. Hitler erschossen, Stalin erschossen, Gaddafi erschossen.” Tja, so ändern manche eben schnell ihre Meinung.

Gaddafi wurde durch einen gezielten Kopfschuß ermordet. Von den Rebellen, die wir so gerne als strahlende Sieger feiern.

Ich habe die Leiche Gaddafis gesehen.

In einem schäbigem Kühlhaus am Fleisch- und Gemüsemarkt in der Stadt Misrata, 200 km östlich von Libyens Hauptstadt Tripolis. Sie stellten den toten Gaddafi aus. Wie eine Sensation. Wie ein Trophäe. Und sie jubelten dabei, beklemmend. Ein schreckliches, einzigartiges Schauspiel. Ähnlich gruselige Bilder gab es weder von Mao, Stalin, oder vom rumänischen Diktator Nicolae Ceausescu. Der afrikanische Gemüse- und Fleischmarkt liegt etwas außerhalb von Misrata. Normalerweise wird hier Gemüse, Obst, Fleisch, Fisch gelagert und gehandelt.

Es war Samstag, 22. Oktober, 11 Uhr und brütend heiß. Vor der Einfahrt zum Markt eine Menschenschlange, hunderte Männer, Barden, alle wollten sie Gaddafi sehen, dass Monster bestaunen: „Er hat meine beiden Söhne ermordet!“, schrie ein älterer Mann. „Ich möchte sehen, wie der Mörder meiner Kinder aussieht.“ Das schwere Eisentor ging auf, ich wurde durchgeschoben. Es ging vorbei an zwei Hallen und mehreren Dutzend Rebellen mit Maschinengewehren und Kalaschnikows. Es roch süßlich, überall Fliegen.

Die Männer wollten mich zuerst nicht durchlassen, doch ich ging einfach weiter, kam zu einer schmalen Betonrampe, die zu einer offen Eisentür führte.

Die Rebellen schoben mich durch, ich stand in einem kahlen, schmutzigen, kalten Raum. Zuerst realisierte ich es gar nicht, aber auf einer schmutzigen Matratze, am blanken Stahlboden des Kühlraumes lag Oberst Muammar Gaddafi. Direkt vor mir. Direkt zu meinen Füßen. Er war mit einer speckigen, bläulichen Decke zugedeckt. Sein nackter Oberkörper war zu sehen. Der früher mächtigste Mann Nordafrikas, der exzentrischste Politiker der Welt, der Herr des Terrors, lag tot am Boden eines Kühlhauses.

Jahrelang wollte ich ein Interview von diesem Mann, unmöglich, nun lag er da.

Sein markantes Gesicht gelblich, das krause, schüttere Haar dunkel. Auf der Stirn ein schwarzer Fleck. Ein Einschussloch. Gaddafi wurde durch einen angesetzten Kopfschuss getötet, das ist genau zu sehen. Neben ihm auf einer weiteren, zweiten Matratze, sein Sohn, Mutassim, 35, der frühere Playboy und sein späterer Sicherheitschef. Mutassin hat einen Vollbart, seine Augen sind weit aufgerissen, das Gesicht verzerrt. Sein Körper wurde von dutzenden Kugeln getroffen, er war bis zuletzt bei seinem Vater. Einige Augenblicke kann ich in dem Raum bleiben. Ich weiß bis heute nicht, ob ich in diesen Momenten Zeitgeschichte erlebte, oder bloß Teil einer der widerwärtigsten Todesshows der Politgeschichte wurde. Schließlich schoben die Rebellen mich hinaus. Vor dem Kühlraum eine endlose Menschenschlange.

Alle wollten den toten Diktator sehen, jeder wollte auf seine Art stille Rache an dem Mann nehmen, der Libyen 42 Jahre im Würgegriff gehalten hat. Manche brachten sogar ihre Kinder mit. Die Kleinen kaum älter als drei, vier, fünf Jahre alt. Alle schrieen „allāhu akbar“ – Gott ist groß. Zumindest die Kinder liessen sie nicht in den schrecklichen Kühlraum. Omar, ein 26jähriger Ingenieur sagte zu mir: „Gaddafi hat seine Gerechtigkeit gefunden.. Ob er es nicht schrecklich findet, dass Gaddafi ausgestellt wird wie ein totes Tier?, fragte ich. Nein schrie er mich an, „ die ganze Welt soll wissen, dass der Tyrann tot ist!“ Ich drehte mich weg, verliess diesen schrecklichen Ort, ein Mann rief mir nach: „Allah ist mit den Standhaften!“

Gaddafi war ein Despot. Aber kein Monster.

Weder Mao noch Stalin waren länger im Amt als er. Nur Fidel Castro kann auf eine ähnlich um zwei Jahre längere Amtszeit zurückblicken, wobei der Begriff Amtszeit eigentlich falsch ist – Gaddafi hatte gar keine offizielle Position. Er war weder gewählter Präsident, noch Parteichef, noch Staatschef. Er war bloß Oberst, Revolutionsführer. Mächtigster Mann im Staat. Der Einzige, der entscheidet. Das reichte. Bis zum 20. Oktober.

Putsch

Am 1. September 1969 putschte er in Tripolis als blutjunger Hauptmann gegen den ungeliebten und unfähigen König Idriss. Machte kurzen Prozess mit dessen „Weißer Garde“, eine Machtergreifung, die leicht fiel. Gaddafi verkörperte damals jenen Geist islamischen Siegesbewußtseins, jenen revolutionär-religiösen Taumel, der Moslems mitreißt. Sein Habitus strahlte Geheimnisvolles aus, Verwirrendes. Er war ein schöner Mann. Groß, kräftig, ausdrucksvoller Beduinenkopf, sympathische Jugendhaftigkeit, katzenhafter Gang. Sein brennend starrer Blick hatte ständig etwas Gehetztes.

Zuletzt war Gaddafi nur noch ein alternder Exzentriker, ein Politik-Komödiant in schrillen Phantasieuniformen. Die Gesichtshaut lasch, die Lippen hängend, die Augen verquollen, ein Schatten seiner selbst.

Bloß sein schrilles Erscheinungsbild während seiner kreischenden Ansprachen aus seinem Bunker Bab al Asisija während der NATO-Luftangriffe auf seine Festung in Tripolis erinnerte noch an den Revolutionär von damals, als er versuchte, seine eigene Nation in eine egalitäre, islamische Gesellschaftsform einzuschmelzen. Bei seinen Auslandsreisen wohnte er im Beduinen-Zelt. Bis zuletzt musste ihm seine ausschließlich weibliche Leibgarde Kamelmilch servieren. Jetzt starb er vor einer Betonröhre im Wüstensand.

Öl und Gas und dennoch kein reiches Land!

Gaddafi brachte seinem Volk keinen Reichtum. Er stattete sein Land lediglich mit nationaler Arroganz aus, doch das reichte nicht zur Führerschaft in der arabischen Welt und in Afrika. Zwar musste in Libyen niemand Hunger leiden, aber der Lebensstandard war niedrig, Infrastruktur und Löhne waren nicht mit Dubai zu vergleichen. Sein Projekt, aus Libyen (nur sechseinhalb Millionen Einwohner) eine geschlossene Vorhut der arabischen und islamischen Wiedergeburt zu machen, war gescheitert. Und das, obwohl eine Laune der Geologie im tripolitanischen Boden Gaddafi alle erdenklichen Möglichkeiten gegeben hat – Libyen verfügt über immensen Erdölreichtum, exportierte fast ebenso viel Öl pro Kopf wie Saudi Arabien.

Gaddafi wuchs in der Sahara auf. Als Kind armer Beduinen. Die Wüste war sein Zuchtmeister, sein Zelt sein Schloss. Als Schüler wurde er missachtet, vernachlässigt. Er hatte kaum Chancen gegen die Söhne wohlhabender und arroganter Feudalherren. Daraus wuchs sein brennendes Bedürfnis nach Macht und sozialer Gleichmacherei, eine Beschreibung, die in Biographien vieler Revolutionäre zu finden ist: „In der Einsamkeit zwischen Sand und Firmament entstand sein fanatisches Verlangen nach Abrechnung mit der korrupten und gottlosen Welt“, analysiert Gaddafi-Kenner Peter Scholl-Latour.

Mit Terror zum Weltfeind!

Dieses prophetische Sendungsbewusstsein machte Gaddafi zum Motor jeder Form revolutionären Umsturzes. Jahrzehntelang pumpte der Oberst als Spinne im weltweit verzweigten System des Terrors Geld in Tod und Vernichtung. Er finanzierte die moslemischen Terroristen in Mindanao und palästinensische Bomber. Seine Emissäre unterstützten die Mörder der „Irisch-Republikanischen-Armee“, die Bomber der ETA, die Killer der RAF in Deutschland, die OPEC-Geiselnehmer in Wien.

Wo immer Blutvergießen entstand, waren Gaddafis Männer nicht weit. So auch am 21. Dezember 1988. Damals schmuggelten libysche Geheimagenten unter Führung von Gaddafi-Agent Abdel Bassit Ali Mohammed al Megrahi eine Höllenmaschine an Bord des PanAm-Jumbos „Maid of the Seas“. 38 Minuten nach dem Start der Maschine mit Ziel New York detonierte die Zeitbombe in 10.000 Meter Höhe über der schottischen Ortschaft Lockerbie. Alle 259 Menschen an Bord sowie elf Bewohner des Marktfleckens kamen bei dem Anschlag ums Leben. Al Megrahi, der Mann, der dieses Inferno ausgelöst hat, wurde erst vor einem Jahr in Tripolis frenetisch gefeiert, nachdem die Schotten ihn freigelassen haben. Gaddafi begrüßte den Massenmörder mit Bruderkuss. Die Schotten haben ihn nach Hause geschickt, weil er an Prostatakrebs leidet. Und das schottische Recht im Falle einer todbringenden Erkrankung die Begnadigung eines Verurteilten zulässt. Heute liegt der Lockerbie-Attentäter vom Krebs gezeichnet in einem Haus am Stadtrand von Tripolis.

Gaddafi und das Geschäft mit der Geiselnahme!

Gaddafi hat nach den Anschlägen von 9/11 öffentlich dem Terror abgeschworen. Ein Mann wie er kann aber seine Gefühle, seine Vergangenheit, nicht auswechseln. Schließlich versteht das Geschäft der Geiselnahme keiner besser als er. Zuerst hielt er jahrelang bulgarische Krankenschwestern fest, weil diese libyschen Kindern absichtlich aidsverseuchte Blutkonserven verabreicht haben. Die Krankenschwestern wurden zum Tode verurteilt, in Straflager geschickt, Psychoterror pur. Zuletzt begnadigte Gaddafi die bedauerswerten Frauen. Er brauchte Handlungsspielraum bei Gesprächen mit der EU und Brüssel ging in die Knie. Dann führte Gaddafi die Schweiz vor, weil die Genfer Polizei im Juli 2008 seinen Sohn Hannibal (das fünfte von acht Kindern) festgenommen hatte. Hannibal Gaddafi flüchtete nach Algerien. In seinem Konvoi saßen sein bruder Mohammed, seine Mutter und seine Schwester Aisha. Aisha brachte noch am Grenzübergang zwischen Libyen und Algerien ein Kind zur Welt.

Bis zuletzt wollte Gaddafi nicht wahrhaben, dass er sein Land, sein Volk verloren hat. Nach dem Fall von Tripolis setzte er sich völlig überstürzt in die Wüstenfestung Bani Walid ab. Von dort ging es weiter in seinen Geburtsort Sirte an der Mittelmeerküste. In seiner Residenz in Tripolis ließ er alles zurück: Briefe, Tausende Fotos, alle persönlichen Gegenstände, sogar die meisten seiner Uniformen. Gaddafi hätte auch ins Ausland flüchten können. Er tat es nicht: „Allah ist mit den Standhaften“, hatte er noch vor wenigen Tagen aus seinem Versteck in Sirte verkünden lassen. Es war seine letzte Botschaft.

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