Ötzi wird 20 - ich bin sein Taufvater, habe seinen Namen erfunden.
Die Eis-Leiche rockt und ich feiere mit, lauthals. Schließlich habe ich Ötzi den einzigartigen, unverwechselbaren Namen gegeben!
Jetzt ist Ötzi 20 Jahre alt und das stolze Museum in Bozen widmet dem Mann aus dem Ewigen Eis eine Sonderausstellung, eine tolle Sache, auf die ich mächtig stolz bin, schließlich hat sich weltweit nur ein Kosename für die ausgedörrte Leiche vom Hauslabjoch durchgesetzt: Ötzi.
Der Begriff ist lexikonreif und ich bin der Erfinder, doch keiner weiß das, was sehr schade ist.
Tja! So ist das eben im schnoddrigen Leben eines ewig aufgeregten Journalisten: Eine g’schwinde Idee, ein schneller Gedanke, und andere werden steinreich, wie der DJ Ötzi, der den Namen einfach geklaut hat.
Ich habe Saddam Hussein interviewt. Und Jassir Arafat. War zu Gast bei Boris Jelzin und Helmut Kohl. Sprach mit Serben-Massenmörder Radovan Karadzic, war im Gefängnis bei Michael Chodorkowski, traf Simon Wiesenthal. Michel Douglas und Norman Freeman haben mit mir angestoßen, US-Präsident Barack Obama ebenso. All das sind aber journalistische Peanuts, Nebensächlichkeiten, austauschbar, weil nicht einzigartig. Arafat hat mit jedem geredet und Saddam Hussein auch, sogar mit Jörg Haider.
Glaubt man aber Google, dem Info-Tsunami, ist Ötzi das wichtigste Erlebnis meiner journalistischen Laufbahn.
Mozart hat mehr als 100 Millionen Google-Erwähnungen, Red Bull 45 Millionen. dann aber kommt schon Ötzi, eigentlich geil, zumal Ötzi nichts macht, außer herumzuliegen.
Ich möchte es nochmals erwähnen: Ich habe Ötzi den Namen gegeben, ich bin sein Taufvater. Nur so konnte er überleben, bis heute, und das weltweit. Ötzi, der Mann aus dem Eis, schlägt (googleoptimiert) sogar die Lipizzaner.
5300 Jahre alt ist die Gletschermumie- prähistorisch. Sie stammt aus der Jungsteinzeit (Neolithikum) bzw. der Kupferzeit (Eneolithikum, Chalkolithikum). Am 19. September 1991 wurde sie beim Tisenjoch nahe dem Hauslabjoch in den Ötztaler Alpen oberhalb des Niederjochferner in 3210 m Höhe gefunden worden.
Sie lag in der Grenzregion zwischen Nord- und Südtirol und damit zwischen Österreich und Italien. Somit erhoben beide Staaten zunächst Anspruch auf die Leiche. Ursache ist die 1918 geschlossene Definition der Grenze, die zwischen den Grenzsteinen geradlinig verlief. Somit konnten Gebiete südlich der Wasserscheide noch zu Österreich und Gebiete nördlich davon zu Italien gehören. Obwohl sich der Fundpunkt bereits nördlich der Wasserscheide befindet, lag er somit auf italienischem Staatsgebiet in Südtirol. Seit 2006 ist jedoch ein neuer Staatsvertrag zwischen Österreich und Italien in Kraft, in der die Wasserscheide als Grenzverlauf bestätigt wird. Da aber für das Tisenjoch eine Ausnahme definiert wurde, liegt die Fundstelle weiterhin in Südtirol (Italien).
Als Entdecker gelten nach einem mehrjährigen Rechtsstreit seit November 2003 die beiden deutschen Bergwanderer Helmut und Erika Simon aus Nürnberg, sie erhielten auch 175.000 Euro Finderlohn.
„Similaunmann“, nannten ihn damals meine Kollegen, da es einen Gletscher gleichen Namens gibt.
„Similaunmann“ – was für ein grässlicher Name. Passt doch in keinen Titel.
Damals entdeckte Reinhold Messner gerade den Yeti, den legendären Schneemenschen: «Ich habe den Yeti gefunden. Wir standen uns Auge in Auge gegenüber», berichtete Messner nach der Rückkehr von seiner jüngsten Expedition in Pakistan: „Der Yeti ist cirka 2,20 Meter groß, hat ein dickes Fell, ist ein Nachtwesen und frißt Yaks», wird Messner zitiert.
Welch Schwachsinn, dachte ich damals, aber der Name Yeti blieb in meinen Ohr. Yeti und Ötztal – das wäre doch die Kombination, aus der Ewigkeiten entstehen könnten.
Deshalb nannte ich den Eismann einfach Ötzi, ein Name der haften blieb, selbst bei Professor Spindler in Innsbruck. Im Nachschlagwerk Wikipedia steht heute zu lesen: «Es war der Wiener Reporter Karl Wendl, der die Mumie in seinen Artikeln erstmals kurzerhand Ötzi nannte, denn: „Diese ausgetrocknete, grässlich anzusehende Leiche muss lieblicher werden, um daraus eine gute Story zu machen.“
**Professor Spindler selbst „resignierte“ mit Humor und Anstand gegenüber meiner Sprachschöpfung: „Weltweit hat sich darauf nur der Kosename Ötzi durchgesetzt. Ohne Artikel verwendet und auch im Ausland stets großgeschrieben, ist die Eigennamenbildung abgeschlossen. Der Name ist [sic!] lexikonreif.“**
Die Germanistin Lorelies Ortner untersuchte im Rahmen einer Forschungsarbeit exemplarisch Textstellen aus Zeitungen und Zeitschriften nach den Benennungen für die Eisleiche und stellte fest, dass der Kosename erstmals sieben Tage nach dem Fund in den Medien aufgetaucht sei: „Liebevoll als Ötzi bezeichnet, verlor die am Innsbrucker Gerichtsmedizinischen Institut als 'Nr. 619/91' geführte, bei der Staatsanwaltschaft unter 'Strafverfahren gegen unbekannter Täter' eingeordnete und im juristischen Jargon unter dem klingenden Namen 'Leichensache Hauslabjoch' bekannte Eisleiche ihre Leichenhaftigkeit und wurde medienwirksam wiederbelebt.“
Ich habe somit eine Eisleiche wiederbelebt. Mit einem Kosenamen, der heute weltweit bekannt ist. Das macht mich stolz. Das ist etwas Besonderes. Die Einzigen, die vor 20 Jahren nicht an den Namen Ötzi glaubten, waren mein damaliger KURIER-Chefredakteur Franz Ferdinand Wolf und seine beiden wissenschaftlichen Berater Hans Rauscher und Herbert Hufnagel: «Wendl, Du Idiot, aus dem Namen wird nie was...kümmere Dich um wichtigere Dinge.
Zu blöd, dass ich auf den Instinkt der Chefpartie von damals gehört habe – hätte ich Ötzi schützen lassen, wäre ich heute Millionär. So begnügte ich mich mit meinem Lebensmotto: «Große Dinge reicht es gewollt zu haben....
