Wer schießt, verliert - die Wahrheit über den Krieg gegen Gaddafi
Zwei Wochen war ich in Bengasi, der Hauptstadt der Rebellen in Libyen. Demonstrationen am Hafen, Fahnen, Aufrufe. Hunderttausende, ein friedlicher Aufstand gegen einen Despoten, dachte ich.
Dann ließ Gaddafi schießen – nicht in Bengasi, in Tripolis. Angeblich.
Und plötzlich war alles ganz anders. Die Rebellen hatten Kalaschnikows, in Drei-Tages-Kursen waren sie fit für die Front. Mit Euphorie stürmten sie in den Tod und keiner hielt sie auf.
Ich sah Kämpfe in Brega, in Ras Lanuf. Gaddafis Armee war tagelang nicht existent. Als die Rebellen aber in Richtung Sirte stürmten, der Geburtsstadt Gaddafis, drehte sich der Wind:Gaddafi schlug zurück. Mit der Luftwaffe. Ich sah, wie die Rebellen eine uralte SU24 vom Himmel holten. Beiden Piloten schnitten sie die Köpfe ab, die Leichen ließen sie einfach in der Wüste liegen – Staub drüber, im Kampf gegen einen Despoten scheint alle erlaubt.
Jetzt bombt der Westen. Wieder Leichen. Wofür?
Ich verstehe diesen Krieg nicht, habe noch nie einen Krieg verstanden, obwohl ich seit dreisig Jahren über Kriege berichte. Noch nie habe ich Gewinner gesehen. Bloss fragwürdige Sieger, zerstörte Verlierer, nicht mehr.
Als Obama ins Weiße Haus einzog, schrieb der Falter, eine aufgeweckte Wiener Stadtzeitung: «Obama wird Guantánamo schließen, er wird die Folter ausdrücklich verbieten und seine Partner einbinden, er wird vielleicht auch das Gespräch mit vermeintlichen Feinden suchen. Kurzum, er wird die Weltmacht USA wieder einigermaßen zivilisieren.
Nichts von dem stimmt heute noch. Als die ersten Bomben fielen, tanzte Obama in Rio, ließ sich lachend in Strandkleidung fotografieren, während in Libyen Gaddafi-Soldaten verkohlten.
Weder Obama, Sarkozy oder Berlusconi wäre ein Zacken aus der Krone gebrochen, hätten sie Gaddafi vor der ersten Bombenwelle angerufen? Zumindest einen Unterhändler hätten sie nach Tripolis schicken können, sie taten es nicht.
Obama hat sich wie Bush ohne Gespräch mit dem Feind auf einen long war eingelassen – auf einen Krieg ohne Ende. Abartig.
Noch verrückter ist der Krieg aber auch deshalb, weil alle Politiker Gaddafi jahrelang hofiert haben, seine Exzentrik, seine Verbrechen geduldet.
Hat einer von jenen, die jetzt bomben, empört aufgeult, als Muammar Gaddafi vor knapp einem Jahr der Schweiz den Heiligen Krieg erklärt hat?
Ich habe nichts davon bemerkt!
Österreichische, deutsche und alle anderen Politiker sprachen bloss von „ungewöhnlicher“ Wortwahl, nicht mehr.
Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton, die Frau, die auch heute noch keiner kennt, beklagte lediglich den „unglücklichen Zeitpunkt“, den der libysche Revolutionsführer für seinen Dschihad-Aufruf gewählt hat.
Wann wäre denn ein Aufruf zum Massenmord passend, Frau Ashton?
Im Frühling? Im Sommer? Zu Weihnachten? An einem langen Einkaufssamstag?
Die Welt hat die Verrückten der Weltpolitik mit Ignoranz gestraft, nicht mehr.
Gaddafi war immer unberechenbar.
Seit 42 Jahren ist der Fantasieoberst nun an der Macht.
Weder Mao, noch Stalin waren länger im Amt als er. Nur Fidel Castro kann auf eine um zwei Jahre längere Amtszeit zurückblicken, wobei der Begriff Amtszeit eigentlich falsch ist – Gaddafi hat gar keine offizielle Position. Er ist weder gewählter Präsident, noch Parteichef, noch Staatschef. Er ist bloss Oberst, Revolutionsführer. Mächtigster Mann im Staat. Der Einzige, der entscheidet. Das reicht. Bis heute.
Am 1. September 1969 putschte er in Tripolis als blutjunger Hauptmann gegen den ungeliebten und unfähigen König Idriss. Machte kurzen Prozess mit dessen „Weißer Garde“, eine Machtergreifung, die leicht fiel. Gaddafi verkörperte damals jenen Geist islamischen Siegesbewußtseins, jenen revolutionär-religiösen Taumel, der Moslems mitreißt. Sein Habitus strahlte Geheimnisvolles aus, Verwirrendes. Er war ein schöner Mann. Groß, kräftig, ausdrucksvoller Beduinenkopf, sympathische Jugendhaftigkeit, katzenhafter Gang. Sein brennend starrer Blick hatte ständig etwas Gehetztes.
Heute ist Gaddafi ein alternder Exzentriker, ein Politik-Komödiant in schrillen Phantasieuniformen. Die Gesichtshaut lasch, die Lippen hängend, die Augen verquollen, eine Mischung aus Frank Zappa und auftoupierter, alternder Barfrau. Ein Schatten seinerselbst.
Bloss sein schrilles Erscheinungsbild erinnert noch an den Revolutionär von damals, als er versuchte, seine eigene Nation in eine egalitäre, islamische Gesellschaftsform einzuschmelzen. Bis zuzletzt wohnte er bei seinen Auslandsreisen im Beduinen-Zelt. Noch heute muss ihm seine ausschließlich weibliche Leibgarde Kamelmilch servieren, täglich frisch aus der Sahara.
Öl und Gas und dennoch kein reiches Land!
Gaddafi brachte seinem Volk keinen Reichtum. Er stattete sein Land lediglich mit nationaler Arroganz aus, doch das reichte nicht zur Führerschaft in der arabischen Welt und in Afrika. Zwar musste in Libyen niemand Hunger leiden, aber der Lebensstandart war niedrig, Infrastruktur und Löhne waren nicht mit Dubai zu vergleichen. Sein Projekt, aus Libyen (nur sechs Millionen Einwohner) eine geschlossene Vorhut der arabischen und islamischen Wiedergeburt zu machen, war längst gescheitert. Und das, obwohl eine Laune der Geologie im tripolitanischen Boden Gaddafi alle erdenklichen Möglichkeiten gegeben hat – Libyen verfügt über immensen Erölreichtum, exportierte fast ebenso viel Öl pro Kopf wie Saudi Arabien. Das Volk aber blieb arm.
Gaddafi wuchs in der Sahara auf. Als Kind armer Beduinen. Die Wüste war sein Zuchtmeister, sein Zelt sein Schloß. Als Schüler wurde er mißachtet, vernachlässigt. Hatte kaum Chancen gegen die Söhne wohlhabender und arroganter Feudalherren. Daraus wuchs sein brennendes Bedürfnis nach Macht und sozialer Gleichmacherei, eine Beschreibung, die in Biographien vieler Revolutionäre zu finden ist: „In der Einsamkeit zwischen Sand und Firmament entstand sein fanatisches Verlangen nach Abrechnung mit der korrupten und gottlosen Welt.“, analysiert Gaddafi-Kenner Peter Scholl-Latour.
Mit Terror zum Weltfeind!
Dieses prophetische Sendungsbewusstsein machte Gaddafi zum Motor jeder Form revolutionären Umsturzes. Jahrzehntelang pumpte der Oberst als Spinne im weltweit verzweigten System des Terrors Geld in Tod und Vernichtung. Er finanzierte die moslemischen Terroristen in Mindanao und palästinensische Bomber. Seine Emissäre unterstützten die Mörder der „irisch-Republikanischen-Armee“, die Bomber der ETA, die Killer der RAF in Deutschland, die OPEC-Geiselnehmer in Wien.
Wo immer Blutvergießen entstand, waren Gaddafis Männer nicht weit. So auch am 21. Dezember 1988. Damals schmuggelten libysche Geheimagenten unter Führung von Gaddafi-Agent Abdel Bassit Ali Mohammed al Megrahi eine Höllenmaschine an Bord des PanAm-Jumbos „Maid of the Seas“. 38 Minuten nach dem Start der Maschine mit Ziel New York detonierte die Zeitbombe in 10.000 Meter Höhe über der schottischen Ortschaft Lockerbie. Alle 259 Menschen an Bord sowie elf Bewohner des Marktfleckens kamen bei dem Anschlag ums Leben. Al Megrahi, der Mann, der dieses Inferno ausgelöst hat, wurde erst vor wenigen Monaten in Tripolis frenetisch gefeiert, der Mob gebärdete sich hysterisch, nachdem die Schotten ihn freigelassen haben. Gaddafi begrüßte den Massenmörder mit Bruderkuss. Die Schotten haben ihn nach Hause geschickt, weil er angeblich an Prostatakrebs leidet. Und das schottische Recht im Falle einer todbringenden Erkrankung die Begnadigung eines Verurteilten zulässt.
Gaddafi hätte zumindest damals Pietät gegenüber den Hinterbliebenen zeigen können, doch dazu fehlte ihm das nötige Gespür. Er empfing al Megrahi wie einen Staatsgast und niemand regte sich sonderlich auf.
Gaddafi und das Geschäft mit der Geiselnahme!
Gaddafi hat nach den Anschlägen von 9/11 öffentlich dem Terror abgeschworen. Ein Mann wie er kann aber seinen Gefühlen, seiner Vergangenheit, nicht ausweichen. Schließlich versteht das Geschäft der Geiselnahme keiner besser als er. Auch heute noch.
Zuerst hielt er jahrelang bulgarische Krankenschwestern fest, weil diese libyschen Kindern absichtlich aidsverseuchte Blutkonserven verabreicht haben. Die Krankenschwestern wurden zum Tode verurteilt, in Straflager geschickt, Psychoterror pur. Zuletzt begnadigte Gaddafi die bedauerswerten Frauen. Er brauchte Handlungsspielraum bei Gesprächen mit der EU und Brüssel ging in die Knie.
Jetzt kämpft Gaddafi gegen die Welt. Droht wieder mit Terror. Als Antwort bekommt er Bomben.
Schade, dass auch Obama nicht mehr eingefallen ist, als sich den gefrässigen Militärs zu beugen.
