Im Straflager mit Michail Chodorkowski
Schuldig.
Der Kreml-Kritiker Michail Chodorkowski wurde also wieder schuldig gesprochen. Der früher reichste Mann Russlands soll hunderte Millonen Öl gestohlen haben.
Chodorkowski hat mit diesem Urteil wohl gerechnet, reagierte mit demonstrativem Desinteresse auf den Schuldspruch – er sah Papiere durch, als Richter Viktor Danilkin seine Entscheidung verkündete. Chodorkowskis mitangeklagter früherer Geschäftspartner Platon Lebedew las ein Buch.
Der Richter folgte dem Antrag der Staatsanwaltschaft, der Ex-Chef des inzwischen zerschlagenen russischen Ölkonzerns Yukos wird erst 2017 aus der Haft entlassen.
Ein Wahnsinns-Urteil.
Chodorkowski sitzt seit 2003. Warum? Weil der Chef des mittlerweile zerschlagenen Ölkonzerns Yukos offen die Opposition unterstützt und sich gegen Wladimir Putin gestellt hat. Seither hasst Russlands Premier Wladimir Putin Michail Chodorkowski. Chodorkowski, war einst reichster Mann Russlands. Gründer des mächtigen, 40 Milliarden Dollar schweren Ölkonzerns „Yukos“. Gefeierter Star auf internationalen Wirtschaftspodien. Seit einem fragwürdigen Gerichtsverfahren im Jahre 2003 verbüßt er im hintersten Winkel Sibiriens seine Verbannung.
Chodorkowski war Putin zu mächtig geworden.
Der Geheimdienst verhaftete und demütigte ihn, man verurteilte ihn zu acht Jahren Straflager wegen Betrugs und Steuerhinterziehung. Sein Konzern „Yukos“ wurde zerschlagen, die feinsten Filetstücke hat sich der Staat einverleibt. „Chodorkowski wurde verbannt, weil er sich offen gegen Wladimir Putin und seine Politik gestellt hat“, behauptet sein Anwalt Robert Amsterdam: „Das Regime hat die Firma meines Klienten gestohlen. Eine glaubwürdige Rechtsauffassung, die der Zerschlagung von Yukos Legitimität verleihen könnte, existiert nicht. Es handelt sich um einen groß angelegten Diebstahl durch Staatsbeamte und andere, die öffentliche Institutionen missbraucht haben, um ihre kriminellen Ziele zu verfolgen“. Harte Worte.
Besuch im Straflager. Es war vor genau dreieinhalb Jahren, als ich mit Inna Chodorkowski, Ehefrau des Verbannten und Mutter seiner drei Kinder, nach Krasnokamensk in Ost-Sibirien reiste, ans Ende der Welt. Der Ort liegt im Länderdreieck China, Russland, Mongolei. Im Winter hat es minus 40 Grad, im Sommer ist es staubig und brütend heiß.
Um zu verstehen, wie weit diese Stadt von der Zivilisation entfernt ist, muss die beschwerliche Anfahrt beschrieben werden – sechs Stunden Flug in östliche Richtung von Moskau in die Provinzhauptstadt Tschita. Dann weitere 16 endlose Stunden Zugfahrt durch die burjatische Steppe. Stunden um Stunden ratterte der Zug vorbei an Ruinen verlassener Armeeposten, an ärmlichen, verfallenen Dörfern und verrotteten Holzhäusern. Alle 30 Minuten stoppte die Eisenbahn, machte kilometerlangen Güterzügen Platz, die Holzstämme nach China transportierten. Manchmal ratterten auch Öltanks vorbei. „Yukos“ stand immer noch auf den Bordwänden.
„Mischa hat einen funktionierenden Konzern geschaffen und Tausenden Menschen Arbeit gegeben“, sagte Inna Chodorkowskaja, während sie aus dem Fenster starrte: „Er wollte keine Jachten und Luxuspaläste. Sein gesamtes Geld steckte er in Yukos. Er wollte die Gesellschaft in Russland verändern, das störte einige.“ Und: „Was hat er denn davon gehabt? Vier Stunden Schlaf pro Nacht, eine Woche Urlaub im Jahr, selbst da telefonierte er ständig. Er hatte nie Zeit für ein Privatleben.“ Irgendwann im Morgengrauen hielt der Zug an, und wir waren in Krasnokamensk. Dreißig Jahre lang war der Ort eine geschlossene Stadt, auf keiner Landkarte eingezeichnet, weil hier Uran gefunden wurde. Noch heute gibt keine Straßennamen, nur durchnummerierte Plattenbauten, sowjetische Tristesse: „Verstehen Sie jetzt, weshalb sie meinen Mann hierher deportiert haben?“, fragte mich Inna Chordokowski, als wir zum Straflager JaG 10/14 am Rande der Stadt fuhren. „Weil es fast unmöglich ist, nach Krasnokamensk zu kommen. Die Behörden wollen, dass niemand ihn besucht, weder seine Anwälte noch seine Verwandten und schon gar nicht die Presse.“
Drei Tage durfte Inna damals bleiben. Sie traf ihren Mann in der „Profilaktur“, das sind acht kahle Zimmer mit jeweils zwei Betten, in denen Ehefrauen und Familien die Häftlinge besuchen können. Mischa, wie sie ihren Mann nennt, trug eine schwarze Hose, einen schwarzen Rolli, Turnschuhe. Die Haare kurz geschoren, die randlose Brille beschädigt, auf der Nase leuchtete eine Schnittwunde: „Ein Mithäftling wollte ihm nachts ein Auge ausstechen“, erzählte Inna später, „Er konnte den Stich abwehren. Die Wunde wurde mit sechs Stichen genäht“.
Vier solcher langen Besuche stehen Chodorkowski pro Jahr zu. Dazu kommen sechs kurze Besuche von vier Stunden Dauer. Als wir nach drei Tagen wieder mit dem Zug zurück nach Tschita fuhren, war Inna Chodorkowski nachdenklich: „Am Beginn der Haft“, sagte sie, „ist Mischa sehr nervös gewesen. Dann verfiel er in einen ziemlich tiefen Dämmerzustand, schien zu glauben, dass alles seinen Sinn verloren hätte“. Die Verbannung bedeutete einen Bruch, eine völlig neue Situation. Neue Strukturen, Hoffnungen, Perspektiven mussten gefunden werden. Eine neue Auffassung von Zeit musste her. Mischa habe sich aber auf seine neue Situation eingerichtet: „Es gibt eben Leute, die werden schwächer, wenn sie durch den Fleischwolf gedreht werden. Andere werden philosophisch. So ist es bei ihm. Er ist absolut stabil, obwohl er dramatisch abgenommen hat.“
Jetzt wird er wohl wieder in die verbotene Stadt zurückverlegt werden. In seine kleine Zelle mit Pritsche, Nachtschränkchen, altem Fernseher, elektrischem Teekessel und einem Boiler mit Trinkwasser.
„Die Beschuldigungen gegen mich haben nichts mehr mit einem realen Verbrechen zu tun“, sagte Chodorkowski, als er in einem Metall-Käfig zur ersten Anhörung dem Richter vorgeführt wurde. Und: „Ich kann mir nicht vorstellen, das Russland zum diktatorischen System der Sowjetzeit zurückkehrt, dass ist einfach nicht möglich“.
Er hat sich getäuscht.
