Die "Zeit" verteidigt den Mob, der Bangkoks Zentrum in Schutt und Asche legte. Warum?
Es stinkt nach verbranntem Plastik Es ist der Tag danach.''
An der Petchaburi-Straße, die am einstigen Camp der Rothemden-Demonstranten vorbeiführt, abgefackelte Barrikaden. Dahinter das Gerippe vom „World Center“, dem zweitgrößten Einkaufstempel Südostasiens. Der Großteil des Gebäudes steht noch, der südliche Flügel ist teilweise eingestürzt, nur ein zwei Meter großer, goldfarbener Buddhakopf ragt unbeschädigt aus der Ruine.
Stille hängt über dem Platz.Einige junge Soldaten schlendern vorbei, machen Fotos mit ihren Handy-Kameras. Kein Lächeln, keine Freude, es ist ein teurer Sieg. Es wird hunderte Millionen kosten, das Zentrum wieder aufzubauen.
24 Stunden zuvor. Panik, Chaos, Angst, ich saß im Inferno – Bangkok brannte.
Es war Mittwoch, 10.30 Uhr Ortszeit. Rote Zone im Zentrum Bangkoks. Sperrgebiet. Free Fire Zone. Direkt im Hauptquartier der Rothemden. Über mir die Betonsäulen des Skytrains, in Sichtweite die früher exklusivsten Einkaufstempel der Stadt – das Siam Paragon, das World Center, das „zen“. Vor mir eine Zeltstadt mit noch immer Tausenden Menscnen. Junge Männer in Fantasieuniformen. Alte in zerfetzten Hosen und russig schmutzigen Leibchen. Alle hatten sie Flaschen am Hosengurt – Molotow-Cocktails. Keiner hatte mehr ein rotes T-Shirt an. Aus überdimensionalen Lautsprechern dröhnte hörenbetäubende Musik. Hard Rock. Sie sollte wohl aufputschen, Gefechtslärm übertönen. Doch – es nützte nichts. Alle hatten blanke Angst. Es war das letzte Aufgebot der Rothemden.
Seit einer halben Stunde stürmte zu diesem Zeitpunkt die Armee.
50.000 Soldaten und Polizisten rückten vor: „Sie kommen von allen Seiten“, schrieen die Menschen. Jeder wollte weg, doch wohin? Überall wurde geschossen. Es knirschte, krachte, Kugeln pfiffen. Die Barrikaden brannten. Beissender Rauch legte sich wie ein Teppich über des Gebiet, der verbrannte Gummi frass sich in die Lungen. Es fiel schwer zu atmen. Horrormeldungen drangen ins Hauptquartier. An keinem Punkt konnte der Armee etwas entgegengesetzt werden. Die Panzer rollten. Ich traf Dr. Weng Tojirakarn, einen der Führer der „Roten“. 24 Stunden zuvor sagte der Arzt noch zu mir: „Wir werden bis zum Schluß ausharren“. Jetzt sah er um Jahre gealtert aus. Seine Leibwächter stiessen mich zur Seite, er trat gemeinsam mit vier weiteren Anführern auf die große Bühne im Hauptquartier. Weng schwitzte, sein Geschichtsausdruck war panisch, bei jeder Detonation zog er ruckartig seine Schultern hoch. Er hatte Todesangst. Die dröhende Musik hörte auf, er nahm das Mikrofon, schrie mit brechender Stimme: „ Es sind zu viele gestorben. Ich will nicht, dass noch mehr Blut fließt. Wir geben auf. Rettet euch“.
Weng eilte von der Bühne. Huschte in einen schwarzen BMW X5, getönte Scheiben. Rauschte weg. Mit ihm seine Leibwächter. Er und die anderen Anführer liessen ihre Anhänger einfach im Stich, ein feiges, verantwortungsloses Verhalten.
Danach brach die Hölle aus.
Tausende, die auf der Strasse zwischen dem Siam Paragon, dem World-Center und dem Zen, den größten Einkaufszentren Bangkoks, ausgeharrt haben, versuchten wegzukommen. Wie ein Panik-Schwall schob sich die Masse durch den dichten Rauch in Richtung Pathum Wanaram-Tempelanlage – eine neutrale Zone inmitten einer buddhistischen Mönchssiedlung. Während die Armee immer näher rückte, luden Vermummte ihren ganzen Frust gegen „die da oben“ ab.
Blinde Wut!
Zuerst schleuderten sie Steine gegen die Glasfronten der früher exklusiven Einkaufstempel „Zen“ und „Siam Paragon“, „World Center“. Glas zerbarst, Molotow-Cocktails flogen in die mächtigen Auslagen. Das „zen“ ging in Flammen auf, das „World Center“ auch. Wie Ameisen krochen einige in die zerborstenen Schaufenster, raubten noch rasch, was sie an sich raffen konnten. Selbst die Schaufensterpuppen trugen sie weg. Ein bizarres Schauspiel. Hier wurden tausende Arbeitslose, Kleinkriminelle, vom Schicksal Bestrafte für einen fragwürdigen politischen Kampf missbraucht, dachte ich mir.
Ich bin dem Mob gefolgt. Rannte mit anderen Journalisten in die Tempelanlage Pathum Wanaram. BBC, CNN, ABC, Stern, Thai TV – alle Kollegen retteten sich ebenfalls hierher. Der Pathium Wanaram liegt direkt bei der Skytrain-Station Siam.
Die verwucherte Götterwelt liegt versteckt hinter Tempeln und Mönchswohnungen, wo sich ein Gewirr an Gebetshallen, Schreinen und Dschungelriesen öffnet. Früher ein stiller Zauber, mitten in der Stadt, der sich nur nach und nach preisgibt. Nach dem Sturm – das Chaos. Tausende Menschen versuchten in die Tempelanlage zu kommen. Drängen, schieben, wegstoßen. Schüsse, Gewalt, Panik. Kämpfer und Opfer, alle auf einen Haufen.
So enden also Revolutionen. Neun Tote wurde später hier gefunden.
Ein junger Mann sprach mich an. Er hatte meine grüne Armschleife gesehen, die mich als Journalist kennzeichnete: „Hilf‘ mir und meiner Frau“, bat er auf Deutsch, mit oberösterreichischem Dialekt. Wahnsinn. Verrückt. Bangkok brannte und neben mir stand plötzlich ein Thai, der in Linz lebt.
Er heisst Krungsak Krisadee, 35, kam als Zehnjähriger mit seinen Eltern nach Oberösterreich.
Habt ihr nicht mit dem Sturm der Armee gerechnet, fragte ich: „Nein“ sagte er, „das haben wir nicht geglaubt“. Ich konnte Krungsak und seine Frau nicht mitnehmen. Auf jene, die in der Zone gekämpft haben, warten zwei Jahre Haft.
Nach vier Stunden im Hexenkessel, schaffte ich es endlich ein Krankenhaus zu erreichen. Er war leer. Ärzte und Krankenschwestern waren weg. Alle. Im Foyer Polizei. Armee. Sie sahen meine grüne Journalistenschleife. Liessen mich rein. Gerettet. Mit einem Mopedtaxi fuhr ich zu meinem Hotel in der Sukhumvit Road. Ich sah die Börse brennen, einige Banken, Einkaufszentren. Selbst in der Sukhumvit brannten Barrikaden. Guerilla-Trupps hatten sich auf die gesamte Millionen-Metropole ausgedehnt. Das Lächeln der Thais war weg. Eine Tragödie. Einfach unvorstelltbar, was der Mob dieser Stadt angetan hat.
Am nächsten Tag surfte ich im Netz. Stieß auf einen Bericht von Georg Blome, ZEIT-ONLINE. Er schrieb: „Viele Bilder und Berichte aus Bangkok erwecken jetzt einen völlig falschen Eindruck: Als hätten hier in den vergangenen Tagen allgemeines Chaos und Bürgerkrieg gedroht. Richtig ist: Chaos und Bürgerkrieg drohen in Thailand erst jetzt, nachdem Elitesoldaten der thailändischen Armee das Feuer auf zum allergrößten Teil friedliche Demonstranten eröffneten und ihren über Wochen gewaltfreien Protest blutig niederschlugen. Damit hat die thailändische Putschregierung unter Premierminister Abhisit Vejjajiva den Konflikt mit der demokratischen Opposition der Rothemden auf eine Art und Weise brutalisiert, die eine Rückkehr zur Demokratie in Thailand in weite Ferne rückt.“
Und weiter: „Noch am Dienstag dieser Woche konnte man unbehindert durch die behelfsmäßigen Reifen- und Bambusbarrikaden der Demonstranten spazieren. Hinter ihnen campierten Tausende einfacher Bauern aus den Hochburgen der Rothemden im Norden Thailands. Sie hatten ihre Strohmatten, ihre Kochgeräte und ihr Essen mitgebracht. Die Hälfte von ihnen waren Frauen und Kinder. Sie tanzten noch am Tag vor ihrer gewaltsamen Vertreibung zur Volksmusik auf der Bühne, zum Lied ihrer Bewegung: Wir sind die Rothemden, wir wollen Gerechtigkeit, wir wollen Demokratie. Gebt uns Gerechtigkeit und Demokratie!‘, sangen sie..
Doch der größte Teil der internationalen Öffentlichkeit glaubte den Demonstranten nicht. Man sah in ihnen die manipulierte Masse des ehemaligen thailändischen Premierministers Thaksin Shinawatra, der heute im Exil weilt und die Medien gerne mit Mutmaßungen über einen kommenden Guerillakrieg in Thailand bedient.
Lieber Kollege Blome – 90 Prozent der Demonstranten waren von Thaksin gekauft. Männer erhielten 2000.- Baht pro Tag (40.- Euro), Frauen mit Kinder 600.-/Tag (11) Euro. Durch die Besetzung der Einkaufszentren verloren Tausende Angestellte ihren Job. Das Gebiet ist abgefackelt. Früher Glanz, jetzt nur mehr Ruinen. Was war daran friedlich? Hier haben jene, die böse Geister gerufen haben, plötzlich die Gewalt über diese verloren.
Es war die manipulierte Masse des ehemaligen thailändischen Ministerpräsidenten Thaksin, die Teile der Stadt zerstört hat. Niemand anderer. Ich war dabei – und Sie sind offensichtlich im feinen Hotelzimmer gesessen, als der Mob durch die Straßen zog. Oder in Hamburg, direkt neben der Roten Flora.
Hätten Sie nämlich die Zerstörungswut dieser friedlichen Demonstranten gesehen – nie hätten Sie solche Zeilen schreiben können.
