Rassist Bill Clinton über Barack Obama: "Vor Jahren hätte uns der Typ noch Kaffee geholt..." 13,Jan. 2010

Hinlänglich bekannt ist uns allen, dass Hillary und Bill Clinton wenig bis gar nichts von Barack Obama halten. Im Wahlkampf hat Hillary Obama offen bekriegt, gehasst, beschimpft: „Dieser Mann ist eine Worthülse, nicht mehr“, hat sie gesagt.

Nun sorgt ein neues Buch über den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf 2008 für Kopfschütteln in Washington: „Game Change“ heißt das 400 Seiten starke Werk der New-York-Times-Journalisten Mark Halperin und John Heilemann.

Es ist eine Ansammlung von Dramen der besonderen Art mit einem negativen Höhepunkt.

So soll sich der frühere Präsident Bill Clinton während eines Gesprächs mit Senator Edward Kennedy mehr als bloss abfällig über Barack Obama geäußert haben: „Vor ein paar Jahren hätte der Typ uns noch Kaffee geholt“.

An anderer Stelle soll Clinton Kennedy vorgeworfen haben: „Du unterstützt ihn nur, weil er schwarz ist.“

Schwere rassistische Vorwürfe, die Clinton bisher nicht kommentierte. Senator Kennedy kann nicht mehr befragt werden, er verstarb im vergangenen Jahr an Krebs.

Das Traurige an der Geschichte aber ist – egal, ob Clinton dementiert, oder weiter schweigt. Man traut ihm diesen rassistischen Rülpser zu und das wiegt fast noch schwerer.

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Vor 30 Jahren starb Rudi Dutschke - die Hamburger Journalistin Bettina Röhl erinnert sich. 28,Dec. 2009

Kaum eine Journalistin kannte Rudi Dutschke besser als Bettina Röhl. Vor fünf Jahren schrieb sie in Cicero diesen Artikel über die Legende, ein publizistischer Meilenstein, der nun von der “WELT” nachgedruckt wurde.

Persönliche Erinnerungen an die letzten Tage mit Rudi Dutschke kurz vor Weihnachten 1979

Kurz vor Weihnachten 1979 tauchte Rudi Dutschke bei uns zu Hause in Hamburg auf. Er übernachtete ein paar Tage. Gelegentlich traf ich ihn im Haus. Manchmal plauderte ich mit ihm im Wohnzimmer, wenn Klaus Rainer Röhl, gerade in der Küche verschwunden war. Der liebte es, seine Gäste zu bewirten, und Rudi liebte es, derart versorgt zu sein. Seit 1967 hatte es immer ein freies Bett im Hause Röhl für Rudi Dutschke gegeben. Und wenn’s ihn nach Hamburg verschlug, machte er auch regelmäßig Gebrauch davon.

Wenige Tage zuvor hatte Dutschke seinen Einstieg in die Politik und damit auch eine mögliche Rückkehr nach Deutschland in Bremen besiegelt. Die dortige Bremer grüne Liste hatte am 7. Oktober 1979 als erster Verband den Einzug in ein Landesparlament geschafft, und Dutschke erlebte am 14./15. Dezember die Eröffnungssitzung der Bürgerschaft mit und sollte die Bremer Grünen als deren Delegierter auf der Gründungsveranstaltung der Bundesgrünen am 10. Januar 1980 in Karlsruhe vertreten.

Ich interessierte mich für das, was zu Hause passierte, damals nur am Rande. Die Weihnachtsferien hießen für mich, O.H., Inga, Jessika, Jophi, Thomas und Tobi und viele andere unter einen Hut zu bringen, und es war jeden Tag entweder eine Party oder das Madhouse, das ChaCha oder ein anderes Treffen angesagt.

Wahnsinnig freundlich, revolutionswach, erschöpft!

Das hieß nicht, dass ich mich nicht gerne mit dem, wie immer wahnsinnig freundlichen, revolutionswachen und gleichzeitig erschöpft und müde wirkenden und eher schäbig angezogenen Gast mit den angegrauten Haaren unterhielt. Mir waren auf eine anregende Weise die Grünen daher sehr früh gegenwärtig.

Unsere Kleinfamilie, Klaus Röhl, seine 21-jährige Freundin Regina und wir, seine 17-jährigen Töchter, waren noch mit den letzten Weihnachtsvorbereitungen beschäftigt und so war mein Abschied von Rudi vor allem hektisch. Plötzlich raste er mit Röhl los. Er musste seinen Zug nach Aarhus in Dänemark, wo er mit seiner Familie lebte, erreichen und auf den allerletzten Drücker auch noch die Weihnachtsgeschenke für seine beiden Kinder und seine Frau besorgen. Ich dachte: Das ist wieder mal typisch für diesen permanenten Weltrevolutionär!

Am ersten Weihnachtstag erfuhr ich, dass Rudi am Heiligabend in seiner Badewanne plötzlich gestorben war, vermutlich an den Spätfolgen des Attentats vom April 1968. Mit 39 Jahren.

Betroffen erinnerte ich mich daran, wie er das erste Mal im Herbst 1967 – ich war gerade fünf Jahre alt geworden – zu Besuch kam. Meine Eltern hatten sich gerade ihr Haus in Blankenese gekauft und unterhielten sich gern über die berühmten Hamburger Medienestablishmentpartys, die fast an jedem Wochenende stiegen. Kein berühmter Name bewegte dabei so sehr, dass ich es erinnere. Bis Klaus Röhl seiner Frau Ulrike Meinhof sagte, Rudi Dutschke kommt zu uns. Ich schnappte den Namen auf und merkte sofort, dass beide Eltern sich anders benahmen als sonst. Irgendwie elektrisiert, verunsichert, voller Erwartung.

Ich fieberte mit und war enttäuscht. Da stand ein unrasierter, sehr kleiner Mann in der Tür, der ganz anders aussah, als ihn meine Eltern, die Rudi Dutschke schon vor einiger Zeit kennen gelernt hatten, beschrieben hatten. Unter Volldampf mit Weltbesserung und Befreiungskampf beschäftigt, sprang er dann allerdings mitten ins Gespräch. Hypermotiviert, sportlich, strahlend und permanent dozierend. Ich verstand natürlich nichts.

Hypermotiviert, sportlich, strahlend und permanent dozierend

Beide Eltern waren damals von Dutschke fasziniert. Ulrike Meinhof hielt ihn für einen großen Revolutionär, lauschte seinen Worten gebannt, bewunderte ihn für seine mitreißenden Reden, die sie selber bei ihren häufigen Reisen nach Berlin in einigen, politischen Podiumsdiskussionen miterlebte. Sie sah in ihm einen Weggefährten.

Klaus Röhl, als Typ eher spielerisch und zynisch, war dagegen von dem ungeheuren Ernst, dem Fehlen jeder Ironie in Dutschkes Wesen und Auftritt begeistert. Er wurde zu einem treuen Anhänger von Dutschke, unterstützte dessen Wirken, lieh ihm mit seiner Zeitschrift konkret das erste große Forum für Interviews und Artikel und bezahlte Dutschke gut. Röhl hielt Dutschke für „christusartig“, „ehrlich“ und „vertrauenswürdig“.

Es war eigentlich nur ein gutes Jahr zwischen 1967 und 1968, in dem Dutschke zum unumstrittenen Kopf der so genannten Außerparlamentarischen Opposition aufstieg. Er war der Wortführer gegen den Krieg in Vietnam und rief zur Solidarität mit den Befreiungskämpfen in der Dritten Welt auf. Er plädierte für „direkte Aktionen“ und andere Kampfformen in der westlichen Welt mit dem Ziel, mit Bewusstseinsveränderungen die kapitalistischen Herrschaftsverhältnisse zu sprengen.

Dann das Attentat. Am 11. April 1968 zielt Josef Bachmann auf offener Straße aus nächster Nähe direkt auf Dutschkes Kopf und drückt drei Mal ab. Der Mordversuch an Dutschke, der den Anschlag schwer verletzt überlebt, wird zu einem Eskalationspunkt in der Gewaltbereitschaft der linken Opposition in der Bundesrepublik. Dutschkes eigene Gewaltbereitschaft wurde durch diese Gewalt, die ihm selber widerfuhr ein Stück weit aus dem öffentlichen Dutschke-Bild getilgt.

Ich erlebte in Berlin zweieinhalb Jahre lang die Aufregung der großen Vietnam-Demonstrationen, der Studentenrevolte und das Unterhaken der Demonstranten, den Dauerlauf auf die Barrikaden, das Ho-Tschi-Minh-Schreien persönlich mit. Auch das Drama um die Schüsse auf Rudi Dutschke, seine späteren mühsamen Genesungsversuche – all dies gehörte zu unserem Leben, wurde bei uns zu Hause diskutiert, besprochen, mitgefühlt.

Rudi war hinreißend sympathisch, entwaffnend optimistisch und selber fast kindlich

Seit Anfang der siebziger Jahre sah ich Dutschke in Hamburg wieder, als er uns dann, von Aarhus aus Dänemark kommend, des Öfteren besuchte und wieder mit leuchtenden Augen politisierte.

Zu meiner nicht kirchlichen Konfirmationsfeier im Herbst 1976 an meinem 14. Geburtstag hatte Klaus Röhl viele Verwandte und einige seiner Weggefährten eingeladen, unter anderen auch Dutschke mit seiner Familie. Mein Vater hatte Rudi gebeten, zu meinem Patenonkel zu werden, was er gerne annahm, was ihn freute und was ihm ernst war. Soweit ich mich erinnere, kam dann zu der Feier aber nur Gretchen mit den beiden Kindern Hosea Che und Polly, während er selber wegen irgendwelcher Termine erst ein paar Tage später in Hamburg eintraf und dann erst die Geschenke für meine Schwester und mich – jeweils eine Halskette mit einem Riechfläschchen – überreichte.

Rudi war hinreißend sympathisch, entwaffnend optimistisch und selber fast kindlich, als er zum Ausdruck zu bringen versuchte, dass wir nun ein neues, irgendwie schon etwas erwachsenes Verhältnis haben würden. Er gab den Gesprächen auch mit Kindern oder Jugendlichen, wenn er sich überhaupt interessierte, einen verblüffenden Ernst, der sein Gegenüber in eine besondere Stimmung versetzte.

Dutschke hatte in diesen Jahren bis zu seinem Tod allerdings auch oft etwas an sich, was zum Erbarmen war. Etwas Elendes, Verzweifeltes, Ruheloses und Weltfremdes, was er höchst erfolgreich hinter seiner Revolutionsfassade zu verschließen suchte. Seine Reden hatten etwas Stereotypes. Seine Theorie-Tiraden wurden inhaltlich oft langweilig und ziellos, worüber allerdings seine Demagogik oder sein Charisma, je nach Geschmack des Zuhörers, hinwegtäuschte.

Rudi hatte irgendwie Narrenfreiheit. Die meisten schienen sich selber so viel Rücksicht verordnet zu haben, dass er überall das ideologische Alphatier blieb, wo er auch auftrat. Er war schon damals der berühmte Studentenführer, der einen Kopfschuss überlebt hatte. Er predigte, hielt Hof, tourte durchs Land und füllte Säle, aber vermutlich nur noch mit Vertretern einer kleinen festen Klientel.

Etwas Elendes, Verzweifeltes, Ruheloses und Weltfremdes

Er fand nie zu seiner Form und gesellschaftsbewegenden Wirkung von 1968 zurück, als er in der heißen Phase der so genannten Studentenbewegung, deren erklärter Führer er war, kurzzeitig einen internationalen Ruf erwarb. Er litt. Er promovierte schließlich über Lenin, schrieb Artikel und versuchte seinen eigenen Revolutionsfaden wieder aufzunehmen, was ihm kaum gelang. Auch finanziell ging es ihm bis zuletzt nicht gut. Rudi Dutschke konnte seinen eigenen frühen Ruhm weitaus weniger effizient ausnutzen, als es seine Erben heute tun.

Die Grünen wären vielleicht sein Comeback gewesen. Sie wären unter Umständen seine Bühne geworden, wenn entweder die Grünen sich auf die antikapitalistische Sozialrevolution eingelassen hätten, für die Dutschke steht, oder Dutschke umgekehrt, was er immerhin bereits ausprobierte, zum Anti-AKW-Menschen, zum Öko-Freak, zu einem echten Urgrünen geworden wäre.

Die Grünen hätten für ihn, wie sie es für so viele erfolgreiche und gescheiterte Achtundsechziger und Berufsrevolutionäre aller Couleur waren, eine mögliche Zukunft darstellen können. Der Tod riss ihn aus dieser Perspektive heraus.

( Der Artikel erschien vor fünf Jahren in der Zeitschrift Cicero zu Rudi Dutschkes 25.Todestag)

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Margot Honecker - mein Treffen mit der mächtigsten Frau der DDR. 09,Nov. 2009

Es hilft, sein Leben lang dieselben Gefühle zu bewahren .

  Als ich kurz nach dem Fall der Mauer 1989 aufregt in die DDR reiste, suchte ich nach Feinden. Ich sollte DDR-Politiker und mächtige Kombinatsdirektoren interviewen,die in Bitterfeld, Suhl, Dresden, Halle, Erfurt und Ost-Berlin mit katastrophaler Unternehmenspolitik ein ganzes Volk in den wirtschaftlichen Totalschaden geführt haben.

Ich fand ein Land im Zorn . Die Menschen fühlten sich von Ihrer Führung verschaukelt. Jahrzehnte haben sie geschuftet – damit es den Bonzen gutging. Sie glaubten an die Partei – und wurden hintergangen. Jetzt standen sie vor den Trümmern dieser Misswirtschaft.

Aber sie waren frei .

Nie werde ich den Moment vergessen, als ich im dichten Schneetreiben durch Erfurt irrte. Es roch nach Braunkohle und Zweitaktbenzin. “Hallo, hallo” tönte es lässig-locker aus dem Autoradio, “wir haben jetzt echte Medien, haha, wirkliche Medien”.

Danach spielte “TT64”, atemberaubender Jugendsender des DDR-Radios, einen guten Beitrag über avantgardistische japanische Rockmusik.

Wochen zuvor wäre der Moderator dieser Sendung seiner lockeren Sprüche wegen von der Staatssicherheit verfolgt oder zumindest gefeuert worden. Plötzlich schien alles anders. Die Rasanz und der Galgenhumor, wie im ehemaligen Arbeiter-und Bauernstaat über die Zustände von gestern und die Perspektiven von morgen laut nachgedacht wurde, war atemberaubend: «Hallo, Margot, kannst 'mich hören», sagte der Moderator mit der schrillen Stimme, «in welchem Briefkasten liegt unser Volksvermögen?».   Dann wieder gute Musik, flotte Meldungen. Überall klang eine unglaubliche Erleichterung und Offenheit mit, schnell hatte ich den Eindruck, als hätten die Moderatoren nie anders gesprochen oder sprechen müssen. Dabei war das «früher» gerade einige Momente her- der Mauerdurchburch vom 9.November 1989.

Schlagartig war nichts mehr gleich in diesem 17 Millionen Einwohnerland. Übereinstimmung mit der politischen Führung war nicht mehr das höchste irdische Gut. Selbstbewußtsein und Angst wechselten quasi über Nacht die Besitzer.

Honecker, Stasi, Trabi – alles weg. Was blieb war unglaubliche Euphorie und der Hass und die Welle der Empörung über den Betrug, den Erich und Margot Honecker und ihre Clique jahrzehntelang am Volk durchgezogen haben .

Treffen mit Margot Honecker

Seit damals wollte ich jene Frau treffen, die mehr als Vierteljahrhundert lang – von 1963 bis zum Herbst 1989 – DDR-Volksbildungsministerin war – Margot Honecker (82). Sie war die mächtigste Frau der DDR und gefürchtet, man nannte sie “Lila Drache”. Töpfchendiktatur, Wehrerziehungslager, die Augen stramm nach links und Pionierlieder auf den Lippen – so erinnerten sich die Menschen in der DDR an die “alte Hexe”.

Ich wollte wissen, wie die Alt-Genossin wirklich ist .

Margot Honecker lebt seit 1992 mit ihrer Tochter und zwei Nichten zurückgezogen im Exil in Chile. Versteckt sie sich in Ihrer Wohnanlage in Santiago, lehnt jede Interviewanfrage ab. Ihr Mann starb 1994 ein Leberkrebs.

Durch Zufall erfuhr ich im Juli 2008, dass der Altrevolutionär und Neupräsident Nicaraguas, Daniel Ortega, Margot Honecker einen Orden verleihen wird.

Ortega hatte nicht vergessen, dass Genosse Honecker nach dem Sturz des Diktators Anastasio Somoza seine erste sandinistische Regierung aufopferungsvoll unterstützt hatte. Auch ganz persönlich half Erich Honecker: So stelle er Ortega das Regierungsflugzeug der DDR für Fernreisen nach Osteuropa zur Verfügung, schnell und immer besuchte Ortega dann auch Ost-Berlin.

Als Dank dafür wollte Ortega Erich Honecker posthum den Ruben Diario-Orden (nicaraguanischer Schriftsteller und Diplomat, 1867 bis 1916) verleihen. Margot Honecker sollte den Orden für Ihren Mann aus Ortegas Hand entgegennehmen.

Niemand konnte damals sagen, ob Margot Honecker tatsächlich von Santiago nach Managua reisen werde.

Ich flog dennoch nach Nicaragua. Wollte wissen, weshalb Honecker in Lateinamerika verehrt, beklatscht und gefeiert, während sie in Deutschland auch 20 Jahre nach dem Mauerfall noch immer verhasst und verachtet wird. Ausserdem sollte die Ordensverleihung Margot Honeckers erster öffentlicher Auftritt werden, seit sie 1992 nach Chile geflüchtet war.

Managua kochte an diesem Tag. 34 Grad, extreme Luftfeutigkeit. Im Zentrum der Stadt das Hotel Crowne Plaza, das Regierungshotel. In der gekühlten Lobby entdeckte ich Margot Honecker. Klein, schlank, kurzes weißes Haar, zerfurchtes Gesicht. Sie war gut gelaunt, wirkte kerngesund. Ich ging auf sie zu, sie zuckte zusammmen. Als sie die Kamera sah, fauchte sie: “Nein, kein Interview”, wehrte sie ab. Was solle sie auch zu Deutschland sagen, fragte sie. «Kommen Sie doch zur Ordensverleihung, Sie werden hören, welche Botschaft ich habe ...» Sagte es und verschwandt.

Stunden später, Plaza de la Revolucion .   Zehntausende Menschen tobten vor einer mächtigen blumengeschmückten Bühne. Aus Lautsprechern dröhnte Revolutionsmusik: “Es lebe Nicaragua, es lebe der Sozialismus”, peitschte die rassige Rosario Murillo die Massen ein. Sie ist die Ehefrau des nicaraguanischen Präsidenten Daniel Ortega. Neben Ortega: Venezuelas Präsident Hugo Chavez, der Amerika-Hasser.

** Margot Honecker in der ersten Reihe trug einen weißen Hosenanzug, braunes T-Shirt. Sie sang, winkte, strahlte. Die Hilfe Honeckers sei solidarisch, besonders und liebevoll gewesen, gab Ortegas Frau und Sprecherin Rosario Murillo zum Besten. Und Außenminister Samuel Santos entblödete sich nicht, die Frau eine “lebende Legende” zu nennen.

Da reckte sie wieder ihre Faust! Präsident Ortega ging strahlend auf sie zu, sagte, während er Honecker umarmte: «Ihr Mann war so solidarisch, so besonders, so liebevoll zum freien Volk von Nicaragua. Stellvertretend für ihn überreiche ich ihnen, Senora Margot ', den Orden. "

Die Menge tobte, als Präsident Ortega Margot Honecker den goldenen Orden am blau-weiß-blauen Band an die Brust steckte. Ortega küsste sie links, rechts, links. Dann wurde sie stürmisch von Hugo Chavez umarmt. Ein bizarres Schauspiel. Als hätte es das SED-Schreckensregime und die Toten an der Mauer nie gegeben.

Margot Honecker reckte dankend die geballte Faust, rief mit Tränen in den Augen: “Es lebe die Revolution, es lebe Nicaragua!” Vier Stunden dauerte das Spektakel. Klatschend hielt Margot Honecker bis zur letzten Rede durch. Gegen 21 Uhr kam sie zurück ins Hotel. An der Brust der goldene Orden. Stolz sagte sie zu mir: «Das ist eine Ehrung für jene, die solidarisch waren mit anderen. Es war ein schönes, bewegendes Fest. "

Dann stieg sie lächelnd in den Lift.

Margot Honecker hat nichts gelernt. Sie glaubt noch immer «an die schöne Zeit (...) in unserer DDR». Sie träumt weiter von der Roten Revolution, singt deutsche Kampflieder, ist felsenfest davon überzeugt, dass die Idee der DDR gut gewesen und nur schlecht umgesetzt worden sei.

Für sie war der Fall der Mauer nicht die “Wende”, sondern “Verrat” .

Ich war nicht unglücklich darüber, dass Margot Honecker kein Interview gegeben hat. Ich verließ Managua erleichert, dachte mir – manchmal reicht es, Feinde gesehen zu haben.

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Radovan Karadzic - meeting with the war criminal. 03,Nov. 2009

Former Bosnian Serb leader Radovan Karadzic has made his first appearance at his trial in The Hague for genocide and war crimes.

But – who is the man who ordered the worst war crimes in Europe since World War II?

I met Radovan Karadzic in person at his headquarters in Pale, a small town 20 kilometres north of Sarajevo. From there he had his forces harass, attack and starve out the other Muslim towns.

It was the winter of 1994. Sarajevo was shut off, having been constantly attacked by the Serbians for almost two years. The Balkan war of displacement had already left tens of thousands of victims dead. The first horrific news of Serbian death camps had been revealed. Muslim women reported of terrible mass rapes in camps like Omarska and Srebrenica, the worst death camps in the Balkans.

The man behind the scenes and “inventor” of the atrocities in the Bosnian war is Dr Radovan Karadzic (63) – psychiatrist, poet, politician, mastermind – and an unscrupulous mass murderer.

Pale is a fortress. When arriving there I found checkpoints at the main street crossings secured with walls of sand bags, air defence missiles, tank units and thousands of soldiers in uniform, many of them wearing the badges of the Yugoslavian People's Army. Karadzic resided on the first floor of what had previously been a winter sports hotel. His command centre was the former hotel manager's office, where he kept maps, a huge desk, a TV set, radio, a black leather couch, two chairs and a radiator.

Karadzic welcomed me in front of his desk when they led me into the room.

'The monster', that's what they called him in Sarajevo, was a tall man – six feet two, broad shoulders, wild, long, white and grey hair, badly shaved. He was wearing a blue double-breasted suit and a colourful tie.

The first thing that drew my attention was his hands. They did not fit this man. They were small, badly groomed, the nails were blood-stained and bitten off.

His wife Ljiljana and his daughter Sonia were sitting on the couch. “Ljiljana, my wife,” said Karadzic, “ran a psychiatrist's office in Sarajevo and we shared the work load. Today she manages the Red Cross of the Republika Srpska.”

Ljiljana is a small, stocky woman. She sported dark black hair, a sceptical look and a firm handshake. His daughter Sonia remained seated, said “hi” and raised her right hand. She showed me three fingers, the greeting of the Chetniks, national symbol of Serbia. Sonia was wearing a fluffy hat and a bulky necklace with an iron cross. Karadzic said: “Sonia is the manager of my press office and has her own radio station. She is very successful.”

Later on his son Alexsander Sasa joined us – in riot gear, with polished boots and carrying a Kalashnikov, although Sasa had never fought in the war.

No monster

Karadzic started his monologue: “ I am no monster, no Frankenstein, like they always portray me.” He insisted the Bosnian tragedy had been caused by the Muslims, nobody else: “They are the green threat, want to conquer Europe and chase away us Serbs from Bosnia.

“We are only defending European ideals.”

Karadzic spoke in a low voice, almost whimsically. He constantly opened and closed his pen, scribbling circles on a sheet of paper, and said: “Serbia is where there are Serbian graves. We don't let them expel us from our homeland.”

I ask Karadzic about the rape camps: “Have you ordered ethnical cleansing or was that simply made up?” Without noticeable movement Karadzic answered: “Ethnic cleansing? There is no such thing!”

Karadzic denied the destruction of entire villages and towns («these were the Muslims themselves»). He continually refuted that mass rapes had been ordered: “Nobody has been send to detention camps, raped or killed.”

He lied in every sentence, tried to manipulate, to present himself as the victim: “Then show me an order that I have signed! Where is the proof of the Western countries?” The conversation is senseless.

Karadzic evaded my questions, and I couldn't interrupt him. For hours he talked about his childhood in Montenegro where he was born on June 19 1945 as a farmer's son. He spoke about his youth in Sarajevo, where he moved with his parents at the age of 15. “The Muslims never liked us there, always hated us,” he said.

He studied medicine in Sarajevo, went to the US, returned after one year and opened a psychiatrist office together with his wife. In 1989, he became the head of the Bosnian-Serb Democratic Party. Overnight he became the henchman of Slobodan Milosevic, one of the most influential personalities in Belgrade at that time. Karadzic always spoke about himself as the “saviour of the Serbian people in Bosnia”. He wrote novels, poems and books for children. He hit the nerve of the Serbs in Bosnia with his tirades full of hatred and badgered his people into a criminal war.

At the end of our interview I showed him pictures of burned down and looted villages, dead children, tortured women. Karadzic smiled and said: “It is possible that all this has happened. It is war and in wartime there are victims on both sides.”

I am really intrigued how Karadzic will defend himself at the International War Crimes Tribunal in The Hague

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Milan Kundera - neue Dokumente belasten ihn schwer! Interview mit der Ehefrau des Kundera-Opfers. 22,Oct. 2009

Milan Kundera verdrängt. Verschleiert. Versteckt sich. In seiner Wahlheimat Paris ist er für niemanden zu sprechen. Vielleicht will er seiner eigenen Vergangenheit noch für eine Weile entkommen. Seit Monaten tobt ein schmutziger Kampf um Kunderas Rolle als junger Student im tschechoslowakischen Realsozialismus. Einer der bedeutendsten lebenden Romanciers Europas soll vor 59 Jahren Miroslav Dvoracek verraten haben, einen jungen antikommunistischen Aktivisten und Widerstandskämpfer.

Dvoracek wurde wegen Spionage zu 22 Jahren Haft verurteilt, der Staatsanwalt hatte sogar die Todesstrafe gefordert. Später wurde die Strafe auf 14 Jahre herabgesetzt. Dvoracek musste in Uranminen schuften, ruinierte seine Gesundheit, aber er überlebte. Nach 14 Jahren kam er frei.

Immer noch ist unklar, warum Dvoracek wirklich verraten wurde. Aus Wut? Aus Eifersucht? War der Streit um eine Frau der Auslöser? Oder war die Denunziation ein Akt reiner Anbiederung an die Kommunisten, um nicht von der Akademie gefeuert zu werden, wie Kundera gerade angedroht worden war? Mit Sicherheit kann man sagen, dass Kunderas Name samt Geburtsdatum auf einem Aktenvermerk auftaucht, der seine Anzeige zu Protokoll nahm.

1950 war Kundera Student. Und glühender Kommunist, zu einer Zeit also, als Schauprozesse, Massenverhaftungen, Straflager und Hinrichtungen in der Tschechoslowakei an der Tagesordnung waren. Stalinismus pur. Jeder bespitzelte jeden. Kundera wohnte in einem Studentenheim in Prag-Kolonka, wie Iva Militka, eine Kommilitonin. Kundera habe sie begehrt, heißt es. Doch die „politisch sehr naive Schöne“, wie sie sich später selbst beschrieb, entschied sich für einen Freund Kunderas – für Miroslav Dlask.

Der war ein überzeugter Anhänger des Apparats, einer, der für jede Schmutzar- beit zur Verfügung stand. Am 14. März 1950 bekam Iva Militka überraschend Besuch im Studentenheim: von Miroslav Dvoracek,damals zweiundzwanzig Jahre alt. Er kannte Iva Militka von früher, nach dem Putsch der Kommunisten jedoch hatte er sich nach Deutschland abgesetzt. In Bayern schloss er sich dann einer antikommunistischen Widerstandsgruppe an, die von den Ame- rikanern unterstützt wurde. Dvoracek wurde ein „Agent zu Fuß“ – ein anti-kommunistischer Widerständler, der auf eigene Faust geheimes Material hinter dem Eisernen Vorhang beschaffen sollte.

Aus der Sicht der Kommunisten war so einer ein Verräter und Agent des Imperialismus, aus westlicher Perspektive ein opferbereiter Held. Oder gab es ganz private Gründe für den tschechischen Flüchtling, ausgerechnet wieder in sein Heimatland zurückzukehren, das er unter Risiken erlassen hatte?

Gleich sein erster Auftrag sollte ihn in ein Chemiewerk nach Prag führen. Doch Dvoracek fuhr stattdessen direkt ins Studentenheim – zu Iva Militka. Was ihn zu ihr trieb? Möglicherweise die Tatsache, dass sie seine ehemalige Geiebte war. Er stellte seinen Koffer bei ihr ab, um später zu ihr zurückzukommen und bei ihr zu übernachten. Iva hatte das leicht überrumpelt akzeptiert, dann aber bekam sie offenbar Gewissensbisse und erzählte ihrem neuen Freund von dem seltsamen Schlafbesuch.

Dlask soll vor Eifersucht getobt haben, als er vom Auftauchen des einstigen Nebenbuhlers erfuhr. Stunden später wurde der Rückkehrer verhaftet, denunziert von einem Studenten namens Milan Kundera. Bat Dlask seinen Freund Kundera um einen schmutzigen Freundschaftsdienst, damit er in den Augen seiner Freundin nicht als mieser Verräter dastand? Alles spricht dafür. Dlask kann nicht mehr befragt werden. Er verstarb vor einigen Jahren und nahm das Geheimnis mit ins Grab.

Auch Iva Militka, heute 79, kann die Frage nicht schlüssig klären. Sie fühlte sich 59 Jahre lang schuldig, weil sie vom Besuch aus Bayern erzählte: „Der Gedanke meiner Schuld, mit dem ich so lange habe leben müssen, war schreck lich“, sagt sie heute.

Bis zum vergangenen Herbst wusste sie nicht, dass es ein anderer war, der den Agenten ans Messer lieferte: Milan Kundera. „Aus dem Originalprotokoll vom 14. März 1950 geht das eindeutig hervor“, beruft sich Jiri Reichel, Sprecher des Prager „Instituts zum Studium totalitärer Regime“ – eine Art tschechische Birthler- Behörde – auf eine vergilbte Polizeiakte.

Nun veröffentlichte die Prager Tageszeitung “Lidove noviny” ein weiteres Dokument aus dem Jahr 1952, in welchen der damalige Vize-Minister für nationale Sicherheit, Jaroslav Jerman, den Fall Dvoracek lobend erwähnt. Jerman schildert darin, wie es «dank der Zusammenarbeit mit unseren Bürgern” immer besser gelinge, “unsere Feinde zu entlarven”. Als Beispiel nennt er die Festnahme Dvoraceks und zitiert das Polizeiprotokoll, wonach der Student Kundera den Aufenthaltsort preisgegeben habe.

Mit dieser wiedergefundenen Vorlesung Jermans ist es für den tschechischen Historiker Petr Koura praktisch ausgeschlossen, dass die Polizeiermitteilung vom März 1950 im Nachhinein gefälscht worden sei.

Ausgerechnet Kundera ein Denunziant?

„Um 16:00 Uhr dieses Tages denunzierte ein Student namens Milan Kunde- ra, geboren am 1. April 1929, in Brünn, Miroslav Dvoracek“, bekräftigt Reichel. Das Archivmaterial sei Dutzende Male geprüft worden, beteuert er. Es sei praktisch ausgeschlossen, dass es sich um eine Fälschung handele. Aufklärung in diesen vertrackten Fall aus Verrat und Niederlage könnte somit nur Milan Kundera bringen. Doch der hat jene virtuose Leichtigkeit verloren, mit der er die Atmosphäre des kommunistischen Systems beschrieb. Seit das Protokoll der Denunziation an die Öffentlichkeit gelangt ist, raffte er sich bloß zu kurzer Empörung auf: „Das ist alles eine Lüge“, ließ er via tschechischer Nachrichtenagentur „CTK“ ausrichten, „ein Attentat gegen einen Autor. Ich kenne Miroslav Dvoracek gar nicht, habe auch nie mit dem Geheimdienst zusammengearbeitet.“ Eine kalte Reaktion. Emotionslos. „Schade, dass er sich den Tatsachen nicht stellt“, ärgert sich Institutssprecher Jiri Reichel über die Ausweichmanöver des Autors, „wir wollen die historische Wahrheit; ein Ich war’s nicht‘ reicht da nicht aus!“

Kundera will schon seit Jahrzehnten mit seiner alten Heimat nichts mehr zu tun haben. Sein Gang ins französische Exil 1975 war der Abbruch aller Brücken nach Prag. Selbst seine Muttersprache ließ der Schriftsteller, den „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ weltberühmt gemacht hatte, hinter sich. Seit zwanzig Jahren schreibt er nur noch auf Französisch. Reist er nach Prag, so tut er das in- kognito, steigt unter falschem Namen ab. Ein Verhalten, das bisher als Schrulligkeit eines Schriftstellers abgetan wurde. „Jetzt aber“, kommentierte das tschechische Magazin Respekt, „haben wir möglicherweise den Schlüssel zum besseren Verständnis von Kundera gefunden – es ist der dunkle Fleck in seiner Vergangenheit.“

“Er ist feige”! Für die achtzigjährige Marketa Dvoracek, gebürtige Tschechin, Mathematikerin und Computerexpertin, sind all diese „schwülstigen Erklärungsversuche blanker Unsinn“: „Es ist einfach feige!“,Für die achtzigjährige Marketa Dvoracek, gebürtige Tschechin, Mathematikerin und Computerexpertin, sind all diese „schwülstigen Erklärungsversuche blanker Unsinn“: „Es ist einfach feige!“, klagt sie im Cicero-Interview an. Sie und ihr Mann leben heute in Göteborg in Schweden, in einem kleinen Einfamilienhaus. Miroslav Dvoracek ist gesundheitlich nicht mehr in der Lage, die Anklage gegen Milan Kundera zu kommentieren. Er kann nicht mehr sprechen. Auch nicht mehr schreiben. Nach mehreren Schlaganfällen ist er halbseitig gelähmt, muss schwere Medikamente nehmen. Aber er kann noch sehen. Hat das Protokoll, das den Schriftsteller belastet, durchgelesen. Zeile für Zeile. Er wird somit nicht sterben, ohne zu wissen, wer ihn damals verraten hat: „Es interessiert ihn nur nicht mehr“, sagt Marketa Dvoracek verbittert. „Die Wahrheit kommt leider zu spät …“ (www.cicero.de)

Interview mit der Ehefrau des Opfers

Marketa Dvoracek hat lange Zeit gezögert, ob sie Causa Kundera etwas sagen will. Nun hat sie ihr Schweigen gebrochen, alle meine Fragen beantwortet.

Das Interview!

Karl Wendl: Vor etwa einem halben Jahr publizierte das „institut für Studien totalitärer Regime in Prag” einen Geheimdienstreport aus den fünfziger Jahren, der enormes Aufsehen in Europas Kulturszene erregte. Darin wird der tschechische Autor Milan Kundera beschuldigt, ihren Mann 1950 verraten zu haben. Haben Sie jemals mit ihrem Mann über dieses Dokument sprechen oder auf einem anderen Weg mit ihm über diesen Report kommunizieren können?

Marketa Dvoracek: Ja, er war in der Lage, den Report zu lesen, aber es ist ihm inzwischen egal, wer der wahre Schuldige ist. Vielleicht klingt das zynisch, aber wir haben keine Botschaft an irgendwelche Menschen. Jene, die an Geschichte interessiert sind, können ihre eigenen Schlüsse ziehen. Und jene, die das nicht tun, kümmern sich ohnehin nicht darum …

Wendl: Ihr Ehemann leidet noch immer an den Folgen eines Gehirnschlags im Juni vergangenen Jahres. Sie sagten, er habe sein gesamtes Sprechvermögen verloren. Wie schlimm ist sein Zustand wirk- lich?

Dvoracek: Er kann weder reden noch schreiben, dieser Zustand hat sich seither nicht verändert. Inzwischen kann er zumindest ein wenig lesen. Physisch hat er sich zwar gut erholt, nachdem seine rechte Seite eine Zeit lang völlig gelähmt war. Im Dezember vergangenen Jahres ist aber ein schwerer epileptischer Anfall hizugekommen. Seither muss er Antiepileptika schlucken sowie Kortison gegen seine Blutarmut. Vor etwa zwölf Jahren wurde Mike von einem Tag zum anderen schwer krank. Diagnose: Blutarmut. Viele Wochen hat er im Krankenhaus verbringen müssen, enorme Dosen Kor- tison bekommen, aber die haben geholfen. Eigentlich steht er seit damals ständig unter medizinischer Kontrolle. Die Krankheit dürfte wohl eine Spätfolge seiner Zwangsarbeit in den Uranminen sein, er war dort ständiger radioaktiver Strahlung ausgesetzt. Die Ärzte meinen, es sei durchaus üblich, dass die Krankheit erst 30 bis 50 Jahre später ausbricht. Die meisten von Mikes Mitgefangenen sind längst an Krebsoder ähnlichen Erkrankungen gestorben.

Wendl: Milan Kundera hat den Verrat an ihrem Mann heftigst bestritten: „ich protestiere auf das Schärfste gegen diese An- schuldigungen, die reine Lügen sind”, hat er gesagt, „ich kenne diesen Mann gar nicht.” und: „das ist ein Attentat auf einen Autor … ich habe nicht für die Geheimpolizei gearbeitet.” Was halten Sie von Milan Kunderas Reaktion?

Dvoracek: Ich denke, dass es eine sehr feige Reaktion war. Selbst wenn er wirklich unschuldig sein sollte, hätte er mehr Mitgefühl zeigen können, anstatt bloß Angst vor den Auswirkungen auf seinen Ruf als Autor zu haben.

Wendl: Der Kalte Krieg ist längst vorbei, der Eiserne vorhang vor 20 Jahren gefallen. Hat Milan Kundera jemals den versuch unternommen, Kontakt mit ihnen oder ihrem Mann aufzunehmen, um die Sache zu klären?

Dvoracek: Absolut nicht!

Wendl: Sie haben einmal gesagt, Sie seien keineswegs überrascht, dass Milan Kundera von tschechischen Medien als Verräter geoutet wurde. Und: „Kundera ist ein guter Schriftsteller, aber ich mache mir keine illusionen über ihn als Menschen …” Was haben Sie damit sagen wollen?

Dvoracek: Ich habe in den Fünfzigern viele getroffen, die so waren wie Kundera. Deshalb mache ich mir keine Illusionen über ihn … Viele Tschechoslowaken waren 1950 fanatische Unterstützer des kommunistischen Regimes, wie Milan Kundera auch. Nach 1968 änderten sie ihre Meinung, wurden Wendehälse, predigten Freiheit. Ich spüre keine Sympathie für jene, die 1968 blitzartig die Seiten gewechselt haben. Ich und viele meiner Freunde (viele waren damals sehr viel jünger als Kundera, Vaculik, Pelikan, Kohout …) haben gesehen, was das kommunistische Regime in den Fünfzigern angerichtet hat, als unschuldige Menschen eingesperrt wurden oder sogar hingerichtet wie Milada Horakova.

Wendl: Ihr Mann arbeitete für den antikommu- nistischen Widerstand, als er verraten wurde. damals war er 22 Jahre jung. der Staatsanwalt forderte die Todesstrafe, später wurde er zu 22 Jahren Kerker verurteilt, wovon er 14 Jahre absitzen musste. Wie viele politische Gefangene wurde auch ihr Mann in Arbeitslager geschickt, er schuftete in Uranminen. Wie hat ihr Mann diese Zeit überstanden?

Dvoracek: Er ist sehr robust, so konnte er überleben. Im Januar 1963 kam er dann frei. Schon damals wollte er die Tschechoslowakei verlassen, aber er hatte keine Chance bis 1968. Erst im Herbst 1968 ist er dann rausgekommen und nach Kanada gegangen – Tschechoslowaken haben für die Einreise nach Kanada keinen Reisepass gebraucht. Zu mir nach Schweden, wo ich als Mathematikerin arbeitete, ist er 1975 gekommen.

Wendl: Hat die tschechische Regierung jemals versucht, Regime-opfer zu entschädigen?

Dvoracek: Nein, er hat bis heute nichts be- kommen.

Wendl: Ihr Mann war 58 Jahre davon überzeugt, seine damalige Studienfreundin Iva Militka habe ihn verraten. Sie ist heute 79 Jahre alt, hat Jahrzehnte darunter gelitten, für die Verhaftung ihres Mannes verantwortlich gewesen zu sein …

Dvoracek: Iva Militkas Vater war einer seiner Lehrer an der Hochschule. Für Mike, seine Eltern und seinen Bruder war stets klar, dass Iva Militka irgendjemandem über seinen Besuch erzählt haben muss – entweder erzählte sie es direkt der Polizei oder jemandem, der dann die Polizei kontaktierte. Das macht aber keinen Unterschied, schließlich hat sie das gegenüber ihrer Familie auch zugegeben. Ihr Vater war darüber sein ganzes Leben unglücklich und am Boden zerstört.

Wendl: Im Gegensatz zu Deutschland steht die Aufklärung der Verbrechen hinter dem eisernen vorhang in Tschechien erst am Anfang. Was erwarten Sie von der tschechischen Regierung?

Dvoracek: Es wurde noch nicht viel getan. Ironischerweise liegt das größte Augenmerk auf jenen Personen, die ihre Farben 1968 geändert haben.

Wendl: Werden Sie und ihre Familie jemals nach tschechien zurückkehren?

Dvoracek: Nein, niemals.

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Jörg Haider - persönlicher Rückblick auf einen Grenzgänger! 11,Oct. 2009

Vor genau einem Jahr verunglückte der österreichische Politiker Jörg Haider.

Diesen Rückblick habe ich Stunden nach dem Tod Haiders für die WELTamSONNTAG verfasst. Obwohl seither viel geschrieben, geheuchelt, geoutet und gehaidert worden ist, hat sich mein Blick auf den Politiker Jörg Haider bis heute nicht verändert.

Er liebte das Tempo: In seiner Karriere, beim Autofahren, im Privatleben, im Wechsel seiner Meinungen und Outfits. Ein war ein rechtspopulistischer Alleinunterhalter, ein Grenzgänger, ein Marathonmann, ein Getriebener. „Der Einzige, der Haider stoppen kann“, sagten alle, „ist er selbst.“

Das hat er am 11.Oktober 2008 getan. Er raste mit seinem Dienstwagen weit nach Mitternacht in den Tod, hatte 1,77 Promille Alkohol im Blut, war viel zu schnell unterwegs.

Ich kannte Haider seit mehr als 20 Jahren. Zuletzt habe ich Ende September 2008 mit ihm gesprochen. Es war der Tag nach seinem völlig überraschenden Comeback auf der nationalen österreichischen Politikbühne. Wien war wieder ein Stück weiter nach rechts gerückt.

Jahrelang war Haider als Landeshauptmann von Kärnten, einer österreichischen Variante des Ministerpräsidenten, völlig von der nationalen politischen Bühne verschwunden, war aus eigener Wahl zum Lokalphänomen mutiert. Schlagzeilen machte der 58-jährige Haider nur mehr durch ein Bauverbot für Moscheen mit Minaretten oder die eigenmächtige Ausweisung von Asylbewerbern aus seinem Bundesland.

Mit dem Wahlerfolg war der Geächtete plötzlich wieder da. Seine neue Partei, das Bündnis Zukunft Österreich (BZÖ), erhielt bei der Nationalratswahl praktisch aus dem Stand elf Prozent. Gemeinsam mit der FPÖ, von der er sich 2005 im Zorn getrennt hatte, weil sie ihm “zu rabiat” erschien, errang das rechte Lager nun fast 30 Prozent.

Haider war im Siegestaumel, die Großparteien SPÖ und ÖVP abgestraft. Lachend sagte er zu mir: «Was haben eifrige Journalisten, was haben ganze Scharen spitzfindiger Kommentatoren im Lauf der Jahre nicht alles über mich geschrieben, um mein ultimatives Ende exklusiv verkünden zu können? Doch der Totgesagte ist pumperlg'sund.»

Haiders Verhältnis zur Presse und zur Öffentlichkeit war ambivalent. Eine Art Hassliebe – anders ist diese seltsame Beziehung nicht zu bezeichnen. Einerseits trieb ihn eine egomanische Sucht nach Aufmerksamkeit. Kaum ein Politiker in Europa hat so innig mit den Kameras geflirtet. Auch hatte Haider von Beginn seiner Karriere an eine wahre Lust am politischen Radau, der er, egal wie moderat er sich am Schluss auch geben wollte, stets treu blieb. Andererseits wusste er ganz genau, dass das ständige Rempeln, die ständige verbale Brutalität zur politischen Selbstzerstörung führen kann. Doch er konnte davon nicht lassen.

Seine markigen Sprüche, vor allem jene, die sich mit der Zeit des Nationalsozialismus befassten, brachten ihm immer wieder den Ruf des ewiggestrigen Nazi-Irrlichts ein. Er bezeichnete Österreich als «ideologische Missgeburt, denn die Volkszugehörigkeit ist die eine Sache und die Staatszugehörigkeit ist die andere Sache».

Er behauptete, das Dritte Reich habe eine «ordentliche Beschäftigungspolitik» gemacht. Seine skandalöseste Äußerung machte er vor ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS: «Es ist gut, dass es in dieser Welt noch anständige Menschen gibt, die einen Charakter haben, die auch bei größtem Gegenwind zu ihrer Überzeugung stehen und ihrer Überzeugung bis heute treu geblieben sind.»

Haider sog seine Überzeugung gewissermaßen mit der Muttermilch ein. Er stammte aus einem nationalsozialistischen Elternhaus. Vater Robert Haider, ein Schuhmacher, war bereits vor dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht und dem “Anschluss” Österreichs illegales Mitglied in Hitlers NSDAP geworden. Und Mutter Dorothea war begeisterte Jugendbann-Führerin.

Zweifelsohne hat ihn dieses Elternhaus geprägt. Deutschnational war Haider deshalb aber nicht: “Es gab kein verbrecherischeres Regime als das Dritte Reich”, sagte Haider später. Doch diese Entschuldigung blieb weitgehend ungehört. Im Grunde machte Haider Politik gänzlich ohne Weltanschauung.

Er war ein Doppelgesichtiger, ein Janus. Privat stets freundlich, witzig, unterhaltsam, interessiert, gut informiert. Er hatte die Gabe zuzuhören. Mit Stolz erzählte er von seinen beiden Töchtern, die er “unbedingt raushalten” wollte aus der Politik. Er selbst sah sich stets als legitimer Nachfolger des legendären Bundeskanzlers Bruno Kreisky (SPÖ), als Weltvermittler und Lichtgestalt der österreichischen Innenpolitik. Gewiss wollte er damit auch provozieren. Es war aber auch ernst gemeint: Haiders wusste genau, dass er Menschen begeistern konnte wie kein anderer Politiker des Landes.

Haiders Begabung bestand darin, Menschen, die mit Politik wenig bis nichts zu tun hatten, ein Stück des Weges mitzunehmen, er gab jedem das Gefühl, wichtig zu sein.

Er gab sich als ihr Anwalt. Er agierte in allen Bevölkerungsschichten. Wenn es sein musste, predigte er lafontaineartigen Sozialismus. Wenn das Bierzelt es hören wollte, zeigte er sich als Ausländerfeind, und wenn er es für richtig hielt, wetterte er gegen Korruption und Vetternwirtschaft.

Das Prinzip seiner Politik war der kalkulierte Tabubruch. Damit lockerte er zwar die außerordentlich verkrusteten Parteistrukturen Österreichs, brachte gleichzeitig aber eine Radikalität in die Politik, der zuweilen jedes Verantwortungsgefühl abging. Er versprach viel – bot aber keine Lösungen an. Das war sein Stil. Mit dieser Methode scharte er die Modernisierungsverlierer hinter sich, verstärkte Ängste und Bedrohungsgefühle.

Kaum liefen die Kameras, wurden seine Augen kleiner, der Körper wurde angespannt, sein Grinsen breit, die Diktion scharf. Er ging Bergsteigen, sprang mit dem Bungee-Seil von Brücken, lief Marathon, war immer topfit und braun gebrannt, fuhr Porsche und liebte das Tempo. Er präsentierte sich als Süchtiger nach Extremen, als Mann, der das öffentliche Echo auf solche Inszenierungen braucht.

Jörg Haider war ein Politiker, der spielte und der unbedenklich alles tat, was ihm nützte. “Man kann nicht nicht kommunizieren!” – diese Einsicht des österreichischen Philosophen Paul Watzlawick galt für ihn, egal, was über ihn geschrieben wurde: «Negative Berichte sind für mich manchmal wie ein Eintauchen in einen Jungbrunnen.” Haider unterhielt ein eigenartiges Verhältnis zur Öffentlichkeit. “Ich bin mir nicht sicher”, sagte er einmal, «ob es eine ähnlich dialektische Beziehung zwischen Medien und einem einzelnen Politiker auch anderswo gibt.”

**Stets verfolgte er wilde Politikstrategien, sein Leben war ein Grenzgang zwischen Triumphen und Pleiten, zwischen Männern und Frauen. Er quälte Österreich mit einem brutalen Anti-Ausländer-Plebiszit, beschimpfte Künstler als «sektschlürfende Linkslinke», war jahrzehntelang der Ich-bin-gegen-alles-Demagoge und der erste Youtube-Politiker Europas. Der Eintritt seiner Partei in die Regierung im Jahr 2000 veranlasste die EU zu Sanktionen gegen Österreich: «Das war das Verrückteste, was Europa jemals machen konnte», sagte Haider, «das hat Brüssel demaskiert, als Linksverbinder diverser roter Socken.»

Das Geheimnis seines Erfolges? Es lag vermutlich darin, dass er der erste Rechtspopulist Europas war, der es verstanden hat, Ressentiments zu schüren und zu nutzen – und zugleich als ein fröhliches, hedonistisches Kind der modernen Welt zu sein.

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Barack Obama erhält den Friedensnobelpreis. Wir sagen "wow", und hoffen, dass das eine gute Entscheidung war. 09,Oct. 2009

Reicht es, gute Absichten zu haben? Manchmal schon, wie das Beispiel des US-Präsidenten zeigt, der gerade mal neun Monate im Amt ist und schon den Friedensnobelpreis zugesprochen bekommen hat. Die ganze Welt reagierte mit: „Wow – ein Witz, oder?“ Selbst Barack Obama zeigte sich überrascht und bass erstaunt und „voller Demut“über diese Wahl: „Wenn ich ehrlich sein soll, habe ich den Preis nicht verdient“, sagte er in einer ersten Reaktion: „Ich glaube nicht, dass ich es verdiene, mich in der Gruppe vergangener Nobelpreisträger zu befinden, die so viel erreicht haben und meine Vorbilder sind".

Er verstehe den Preis nicht als Anerkennung für seine bisherigen Erfolge. Doch es reflektiere den Wunsch vieler Menschen nach einer anderen Welt. Er betrachte den Preis in diesem Sinne als eine Herausforderung und Aufforderung zum Handeln: „In diesem Sinne werde ich die Ehrung annehmen und den Preis persönlich in Oslo entgegennehmen“, sagte Obama.

Warum diese Wahl?

Es war eine überraschende und populäre Entscheidung, die das Nobelpreis-Komitee getroffen hat. Thorbjörn Jagland, Vorsitzender des Komitees, erklärt das so: „Alles, was in der Welt seit Obamas Amtsantritt geschehen ist, und wie das internationale Klima sich geändert hat, ist mehr als genug, um zu sagen, dass er das erfüllt, was in Alfred Nobels Testament steht. Nämlich, dass der Preis an denjenigen gehen soll, der im vorausgegangenen Jahr am meisten für internationale Verbrüderung und Abrüstung sowie die Förderung von Kooperation und Dialog getan hat.“

Nur neuen Monate

Mit Blick auf die noch kurze Präsidentschaft Obamas meinte Jagland: „Wenn man die Geschichte des Nobelpreises anschaut, dann haben wir bei vielen Gelegenheiten versucht, das zu stärken und zu fördern, was bestimmte Persönlichkeiten gerade durchzuführen versuchten. Zum Beispiel, als Willy Brandt den Preis 1971 bekam, hatte gerade seine Ostpolitik in Europa gestartet, die so wichtig war für das, was dann viele Jahre später geschehen ist. Oder die Vergabe 1990 an Michail Gorbatschow, der die Welt komplett verändert hat.“

Zu dem Vorwurf, das Komitee habe eine „populistische Entscheidung“ getroffen, meinte Jagland: „Wer das meint, der soll sich die Realitäten in der Welt vor Augen führen. Mehr habe ich dazu nicht zu sagen.“

Wahrscheinlich hat Jagland Recht. Obama hat – im Sinne Alfred Nobels – tatsächlich VIELES angestossen, manches bereits verändert.

Druck auf Obama.

Ob der Preis Obama beim Erreichen seiner wichtigen und richtigen politischen Ziele allerdings helfen kann, darf bezweifelt werden. Zwangsläufig wird der US-Präsident bereits in naher Zukunft mit Waffengewalt drohen müssen, um Despoten zur Vernunft zu zwingen. Selbstverständlich kann auch Obama nicht jene Politik des Gleichgewichts des Schreckens über Bord werfen, auf der die internationale Staatengemeinschaft aufgebaut ist.

Amerika hat derzeit weltweit in 139 Staaten 230.000 Soldaten stationiert, 30.000 Mann sind ständig auf Schlachtschiffen auf allen Weltmeeren unterwegs, die imperialen Flügel der US-Administration sind überall.

Auch ein Friedensnobelpreistäger wird diese Infrastruktur der Gewalt nicht blitzartig abbauen können. Es geht schlicht nicht, die Welt würde auch nicht besser dadurch. Der Bosnienkrieg wurde beendet, weil die Amerikaner militärisch eingriffen haben. Der Terror in Afghanistan konnte eingedämmt werden, weil die Amerikaner Flagge gezeigt haben – militärisch.

Doch was passiert jetzt?

Umarmen wir uns jetzt alle? Es würde schon reichen, könnte Obama zumindest das völkerrechtlich mehr als umstrittene Gefangenenlager Guantanamo abbauen, doch selbst da gibt es Schwierigkeiten, die Macht des US-Präsidenten ist beschränkt.

Amerika war immer eine Wiege der Demokratie. Ein Imperium, das zwar mit seinem wachsenden Einfluss seine demokratischen Grundwerte und Überzeugungen immer öfter über Bord geworfen hat, im Grunde aber ein stets ausrechenbarer, transatlantischer Partner geblieben ist. Amerika war und ist stark und das ist gut so.

Ich hoffe bloss, dass der Friedensnobelpreis den US-Präsidenten nicht schwach macht. Die Welt braucht entschlossenes Handeln.

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Rechtsradikal? Thilo Sarrazin, deutscher Bundesbankvorstand, sorgt für Empörung. Das Interview im Wortlaut. 06,Oct. 2009

Kleinbürgerlich, plebejisch, schlampig, 68erisch. So nennt Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin (SPD) im Kulturmagazin „Lettre International“ Berlin. Sarrazin spricht von „türkischen Wärmestuben“, klagt: „,Ich muss niemanden anerkennen, der (…)ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert. Das gilt für siebzig Prozent der türkischen und für neunzig Prozent der arabischen Bevölkerung in Berlin. Viele von ihnen wollen keine Integration, sondern ihren Stiefel leben“. Rechtsradikal? Volksverhetzung? Oder Wahrheit?

Das umstrittene Interview im Wortlaut.

Viermal im Jahr veröffentlicht die deutsche Ausgabe von „Lettre International“ eine hochkarätige Zusammenstellung von Reportagen, Hintergrundanalysen, Interviews, Essays, Literatur und Kunst. Aus unterschiedlichsten Blickwinkeln, aus allen Weltregionen äußern sich internationale Autoren zu den brennenden aber auch verborgenen Themen der Gesellschaft und Politik, zu Kunst, Philosophie und Wissenschaft. „Lettre International“ ist eine unabhängige, internationale Publikation und versteht sich als interdisziplinäres intellektuelles Forum. Lettre sieht sich keiner politischen Programmatik verpflichtet.

Diesmal wurde der frühere Berliner Finanzsenator und nunmehrige Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin zu einem Gespräch über den Zustand der deutschen Hauptstadt eingeladen. Sein Interview spaltet Deutschland.

Viele nennen seine Äußerungen „rechtsradikal“. In der SPD diskutiert man seinen Parteiausschluss. Seinen Job bei der Bundesbank könnte er in Kürze verlieren. Die Berliner Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen Verdachts auf Volksverhetzung! Bei Schuldspruch droht Haft Es gibt aber auch solche, die Sarrazin verteidigen: „Wenn Heuchelei normal ist und die Realität verschwiegen wird, in ihr Gegenteil verkehrt wird oder völlig aus dem Blick gerät, ist eine Gesellschaft nicht viel wert. (…) Sarrazin hat ein Recht auf Fairness. Was Sarrazin gesagt hat, muss jemand sagen dürfen, ohne, dass er persönlich vernichtet wird. Sarrazin hat ein Recht, mit dem was er gesagt hat, auf das Gegenargument. Und die Gesellschaft und die Bürger dieses Land haben ein Recht auf Diskussion. Die Reaktionen, die Sarrazin erzeugt hat, beweisen, dass das Thema Integration von einem gefährlichen Ungeist totgebügelt wird, obwohl es das wahrscheinlich virulenteste Thema der Gegenwart ist“, schreibt die WELT.

Was sagte Sarrazin wirklich? Hier die wichtigsten Passagen:

„Man muss aufhören, von den’ Migranten zu reden. Wir müssen uns einmal die unterschiedlichen Migrantengruppen anschauen. Die Vietnamesen: Die Eltern können kaum Deutsch, verkaufen Zigaretten oder haben einen Kiosk. Die Vietnamesen der zweiten Generation haben dann durchweg bessere Schulnoten und höhere Abiturientenquoten als die Deutschen. Die Osteuropäer, Ukrainer, Weißrussen, Polen, Russen weisen tendenziell dasselbe Ergebnis auf. Sie sind integrationswillig, passen sich schnell an und haben überdurchschnittliche akademische Erfolge. Die Deutschrussen haben große Probleme in der ersten, teilweise auch der zweiten Generation, danach läuft es wie am Schnürchen, weil sie noch eine altdeutsche Arbeitsauffassung haben. Sobald die Sprachhindernisse weg sind, haben sie höhere Abiturienten- und Studentenanteile usw. als andere.

Bei den Ostasiaten, Chinesen und Indern ist es dasselbe. Bei den Kerngruppen der Jugoslawen sieht man dann schon eher türkische’ Probleme; absolut abfallend sind die türkische Gruppe und die Araber. Auch in der dritten Generation haben sehr viele keine vernünftigen Deutschkenntnisse, viele gar keinen Schulabschluss, und nur ein kleiner Teil schafft es bis zum Abitur. […]

Je niedriger die Schicht, um so höher die Geburtenrate. Die Araber und Türken haben einen zwei- bis dreimal höheren Anteil an Geburten, als es ihrem Bevölkerungsanteil entspricht. Große Teile sind weder integrationswillig noch integrationsfähig. Die Lösung dieses Problems kann nur heißen: Kein Zuzug mehr, und wer heiraten will, sollte dies im Ausland tun. Ständig werden Bräute nachgeliefert: Das türkische Mädchen hier wird mit einem Anatolen verheiratet, der türkische Junge hier bekommt eine Braut aus einem anatolischen Dorf. Bei den Arabern ist es noch schlimmer.

Meine Vorstellung wäre: generell kein Zuzug mehr außer für Hochqualifizierte und perspektivisch keine Transferleistungen mehr für Einwanderer. In den USA müssen Einwanderer arbeiten, weil sie kein Geld bekommen, und werden deshalb viel besser integriert.

Man hat Studien zu arabischen Ausländergruppen aus demselben Clan gemacht; ein Teil geht nach Schweden mit unserem Sozialsystem, ein anderer Teil geht nach Chicago. Dieselbe Sippe ist nach zwanzig Jahren in Schweden immer noch frustriert und arbeitslos, in Chicago hingegen integriert.

Der Druck des Arbeitsmarktes, der Zwang des Broterwerbs sorgen dafür. Das sind Dinge, die man nur durch Bundesrecht ändern kann. Für Berlin ist meine Prognose düster, was diese Themen betrifft. Aber es kann in einer Stadt, in der man prächtig leben kann, gleichzeitig kompakte und wachsende, ungelöste Probleme geben. Genauso wird es in Berlin werden.[…]

Die Integration hat Stufen. Die erste Vorstufe ist, dass man Deutsch lernt, die zweite, dass man vernünftig durch die Grundschule kommt, die dritte, dass man aufs Gymnasium geht, dort Examen macht und studiert. Wenn man durch ist, dann braucht man gleiche Chancen im öffentlichen Dienst. So ist die Reihenfolge.

Es ist ein Skandal, dass die Mütter der zweiten, dritten Generation immer noch kein Deutsch können, es allenfalls die Kinder können, und die lernen es nicht wirklich. Es ist ein Skandal, wenn türkische Jungen nicht auf weibliche Lehrer hören, weil ihre Kultur so ist. Integration ist eine Leistung dessen, der sich integriert. Jemanden, der nichts tut, muss ich auch nicht anerkennen.

Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert. Das gilt für siebzig Prozent der türkischen und für neunzig Prozent der arabischen Bevölkerung in Berlin. Viele von ihnen wollen keine Integration, sondern ihren Stiefel leben. Zudem pflegen sie eine Mentalität, die als gesamtstaatliche Mentalität aggressiv und atavistisch ist. […]

Die Türkei ist das Land, wo man heute noch bestraft wird, wenn man vom Völkermord an den Armeniern redet. Ich war 1978 zum ersten Mal in der Türkei, dienstlich mit meinem damaligen Chef, Herbert Ehrenberg, der Arbeitsminister war.

Ich war in seinem Stab. Wir kamen von Ankara, fuhren vom Flughafen rein, vorn saß mein Minister mit dem türkischen Minister, und ich saß im Wagen dahinter mit dem türkischen Staatssekretär auf der Rückbank. Der Staatssekretär sprach Deutsch und fragte mich, wie viele Einwohner Deutschland habe und wie unsere Geburtenraten seien, und dann sagte er, im Jahre soundso werden wir Deutschland an Bevölkerungsgröße überholt haben. Darauf war er stolz. Das ist dieselbe Mentalität, die Erdogan dazu verleitet hat, diese Rede in der Kölnarena zu halten, wie er sie gehalten hat. (…)

Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate. Das würde mir gefallen, wenn es osteuropäische Juden wären mit einem um 15 Prozent höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung. Ich habe dazu keine Lust bei Bevölkerungsgruppen, die ihre Bringschuld zur Integration nicht akzeptieren, und auch, weil es extrem viel Geld kostet und wir in den nächsten Jahrzehnten genügend andere große Herausforderungen zu bewältigen haben. […]

Man stößt gegen viele Mauern der politischen Korrektheit, aber man merkt, dass der Ton an Deutlichkeit zunimmt, wir haben noch nicht verstanden, dass wir ein kleines Volk sind. Wir verstehen uns immer noch als ein großes Volk. 1939, als der Zweite Weltkrieg begann, hatte Deutschland 79 Millionen Einwohner, die USA 135, Russland 160 und England 50. Die Proportionen haben sich völlig verschoben.

Wenn von unseren 80 Millionen praktisch dreißig Prozent im Rentenalter sind, sind wir bereits eine relativ kleine Bevölkerung. Wir sind näher an den Holländern und Dänen als an den USA. Dass diese kleinen Völker ihre Ausländer heute mit viel radikaleren Programmen als wir forciert integrieren, hat einen guten Grund. Heute muss man Sprachtests in den Botschaften machen, davor darf man gar nicht einreisen.

Sie haben spät angefangen, aber sie haben wenigstens angefangen. Wenn die Türken sich so integrieren würden, dass sie im Schulsystem einen anderen Gruppen vergleichbaren Erfolg hätten, würde sich das Thema auswachsen. Der vietnamesische Kioskbesitzer wird immer gebrochen Deutsch sprechen, weil er erst mit dreißig eingewandert ist und ungebildet war. Wenn seine Kinder Abitur machen oder Handwerker werden, hat sich die Sache erledigt. Türkische Anwälte, türkische Arzte, türkische Ingenieure werden auch Deutsch sprechen, und dann wird sich der Rest relativieren. So aber geschieht nichts.

Die Berliner meinen immer, sie hätten besonders große Ausländeranteile; das ist falsch. Die Ausländeranteile von München, Stuttgart, Köln oder Hamburg sind viel höher. Aber die Ausländer dort haben einen geringeren Anteil an Türken und Arabern und mischen sich über breite Ausländergruppen. Zudem sind die Migranten in den Produktionsprozess integriert. Während es bei uns eine breite Unterschicht gibt, die nicht in Arbeitsprozesse integriert ist.

Doch das Berliner Unterschichtproblem reicht weit darüber hinaus. Darum bin ich pessimistisch. Wir haben in Berlin vierzig Prozent Unterschichtgeburten, und die füllen die Schulen und die Klassen, darunter viele Kinder von Alleinerziehenden. Wir müssen in der Familienpolitik völlig umstellen: weg von Geldleistungen, vor allem bei der Unterschicht.

Ich erinnere an ein Dossier der Zeit’ dazu. Es berichtet von den zwanzig Tonnen Hammelresten der türkischen Grillfeste, die die Stadtreinigung jeden Montagmorgen aus dem Tiergarten beseitigt — das ist keine Satire. Der Neuköllner Bürgermeister Buschkowsky erzählt von einer Araberfrau, die ihr sechstes Kind bekommt, weil sie durch Hartz IV damit Anspruch auf eine größere Wohnung hat. Von diesen Strukturen müssen wir uns verabschieden. Man muss davon ausgehen, dass menschliche Begabung zu einem Teil sozial bedingt ist, zu einem anderen Teil jedoch erblich.

Der Weg, den wir gehen, führt dazu, dass der Anteil der intelligenten Leistungsträger aus demographischen Gründen kontinuierlich fällt. So kann man keine nachhaltige Gesellschaft bauen, das geht für ein, zwei, drei Generationen gut, dann nicht mehr. Das klingt sehr stammtischnah, aber man kann das empirisch sehr sorgfältig nachzeichnen. (…)

Die Stadt hat eine überdimensionierte Infrastruktur für 4,5 Millionen Menschen, das sieht man an der Breite der Straßen. Die Stadt hat einen produktiven Kreislauf von Menschen, die Arbeit haben und gebraucht werden, ob es Verwaltungsbeamte sind oder Ministerialbeamte. Daneben hat sie einen Teil von Menschen, etwa zwanzig Prozent der Bevölkerung, die nicht ökonomisch gebraucht werden, zwanzig Prozent leben von Hartz IV und Transfereinkommen; bundesweit sind es nur acht bis zehn Prozent. Dieser Teil muß sich auswachsen.

Eine großes Zahl an Arabern und Türken in dieser Stadt, deren Anzahl durch falsche Politik zugenommen hat, hat keine produktive Funktion, außer für den Obst- und Gemüsehandel, und es wird sich vermutlich auch keine Perspektive entwickeln. Das gilt auch für einen Teil der deutschen Unterschicht, die einmal in den subventionierten Betrieben Spulen gedreht oder Zigarettenmaschinen bedient hat. Diese Jobs gibt es nicht mehr. Berlin hat wirtschaftlich ein Problem mit der Größe der vorhandenen Bevölkerung. (…)

Berlin ist belastet von zwei Komponenten: der Achtundsechzigertradition und dem Westberliner Schlampfaktor. Es gibt auch das Problem, daß vierzig Prozent aller Geburten in der Unterschicht stattfinden. Hier werden Trends verstärkt sichtbar, die ganz Deutschland belasten. So daß das Niveau an den Schulen kontinuierlich sinkt, anstatt zu steigen. In Berlin gibt es stärker als anderswo das Problem einer am normalen Wirtschaftskreislauf nicht teilnehmenden Unterschicht.

Soweit die umstrittensten Passagen des Interviews. Darf so öffentlich argumentiert werden? Oder nicht?

„Wir erleben unsere Zeit als eine Epoche beschleunigter Internationalisierung und erfahren zugleich eine zunehmende Fragmentierung der Welt. Dies verlangt ein weltoffenes Forum für den schnellen und intensiven Austausch von Beobachtungen, Ideen und Reflexionen. Modernes Denken setzt internationale Orientierung als Selbstverständlichkeit voraus“, schreibt „Lettre“.

Sind Sarrazins Ansichten nun geprägt von internationaler Orientierung, oder bloss provokanter Provinzialismus, um spannungsgeladen anderen Kulturen entgegenzuwirken?

Mir geht es nicht um die Frage, ob Sarrazin politisch korrekt gesprochen hat, ich bin auch kein Gesinnungspolizist, das überlasse ich gerne anderen.

Es geht ausschließlich darum, zu erfahren, ob Diskussionen in einem derartigen Stil geführt werden dürfen, oder nicht? Welche Antworten habt I

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Roman Polanski - Willkür oder Recht? Darf Vergewaltigung verjähren? 30,Sep. 2009

Der Fall Roman Polanski! Langsam bekommt die Vergewaltigungs-Causa juristisch und gesellschaftspolitisch relevante Aspekte. So trauert Deutschlands-Boulevard-Goethe Franz Josef Wagner in der “BILD”: „Polanskis hochschwangere Mutter wurde in Auschwitz umgebracht. Seine Frau Sharon Tate, auch schwanger, wurde von Mitgliedern der Manson-Sekte ermordet. Ein Mensch mit dieser Biografie hat mein Mitgefühl und ich fordere Gnade für ihn.“

David Baum, ein junger Autor in Berlin, kontert: „Das wird spannend, wenn alle, die schon mal Opfer waren oder Schicksalsschläge im Verzeichnis stehen haben, immun gegen Strafe werden….“.

Ein Streit um Grundsätze.

Roman Polanski ist heute 76. Er hat 1977 in Los Angeles ein 13jähriges Mädchen verführt, vergewaltigt, seine Machtstellung ausgenützt, um ein Kind zu missbrauchen. Polanski gestand. Einer Haftstrafe entzog er sich durch Flucht nach Europa. Seither gibt es einen US-Haftbefehl gegen ihn.

Jetzt wurde der Starregisseur in der Schweiz festgenommen. Weil seit vergangem Jahr Vergewaltigungsdelikte in der Schweiz nicht mehr verjähren.

Halbherziger Kampf

Dutzende Prominente in Europa reagierten mit Fassungslosigkeit auf die Verhaftung Polanskis, selbst der französische Aussenminister verfasste eine Protestnote. Nun setzte sich auch Franz Josef Wagner für ihn ein: „32 Jahre, so lange liegt Ihr Sexualdelikt zurück, 32 Jahre haben Sie bewiesen, dass Sie keine Gefahr für die Menschheit sind, kein Vergewaltiger, kein Böser. 32 Jahre braves Leben sind für mich Grund genug, Ihnen zu vergeben. Selbst das Mädchen, heute eine 45-jährige Mutter von 3 Kindern, hat Ihnen vergeben. Wir müssen vergeben. Vergeben ist ein Kulturschatz. Ohne Verzeihen funktioniert unsere Gesellschaft nicht. Juristisch kann man anscheinend nicht vergeben."

Dann fragt Wagner: «Was für einen Verbrecher haben wir vor uns? Polanskis hochschwangere Mutter wurde in Auschwitz umgebracht. Seine Frau Sharon Tate, auch schwanger, wurde von Mitgliedern der Manson-Sekte ermordet. Ein Mensch mit dieser Biografie hat mein Mitgefühl und ich fordere Gnade für ihn. Für den schlimmen Fehler, den er begangen hat. Ich fordere mildernde Umstände für Polanski. Gnade und Vergebung. Nicht weil er ein berühmter Regisseur ist. Sondern weil er genug gelitten hat. Diese dumme, dumme Schweiz verhaftet ihn jetzt. Wo ist unsere Kultur des Verzeihens, die Kultur der Gnade? Juristisch mag es wohl in Ordnung sein, aber menschlich nicht.“

Soweit Wagner.

David Baum wollte den Auschwitz-Vergleich nicht einfach so hinnehmen: „…ich bin schon gespannt auf das Rechtssystem, das in BILD, 3sat Kulturzeit und anderen Stammtischen seit Tagen propagiert wird. Weil Polanskis Mama im KZ umgebracht wurde und seine Frau vom irren Manson, soll man ihn jetzt nicht mehr wegen der ungesühnten Vergewaltigung einsperren. Das wird spannend, wenn alle, die schon mal Opfer waren oder Schicksalsschläge im Verzeichnis stehen haben, immun gegen Strafe werden….“.

Hat er damit den Punkt getroffen?

Wann verjährt Strafe? Soll Strafe überhaupt verjähren? Kann ein Unterschied zwischen den jeweiligen Verbrechen gemacht werden? Darf die Justiz das überhaupt?

Polanski sitzt derzeit im Flughafengefängnis Zürich-Kloten, ein schlimmer Betonklotz. 23 Stunden pro Tag verbringt er in seiner Zelle – ein Tisch, ein Bett, ein Schrank, ein Waschbecken sowie WC und TV. Drei Mahlzeiten bekommt er, sie müssen im Zimmer eingenommen werden.

Roman Polanski wird festgehalten, weil ein alter Haftbefehl gegen ihn vollzogen worden ist. „Vergewaltigung“, lautet der Vorwurf. Geschehen ist das Ganze in der Villa von Jack Nicholson. Polanski, der schmächtige Jungregisseur, hatte damals die 13jährige Samantha Gailey zu einem Fotoshooting für die französische Voque eingeladen. Es floss Champagner. Sie war angeheitert, sprang halbnackt in den Pool.

Polanski stieg zur ihr ins Becken. Was danach geschah, steht im Gerichtsprotokoll von damals, das sowohl „BILD“, als auch der Schweizer „BLICK“ und „oe24“ in Österreich veröffentlichten:

Staatsanwalt: „Wie viel Champagner haben Sie getrunken?“

„Ich weiß es nicht. Ich trank die ganze Zeit, während er Fotos machte.»

„Was hatten Sie an, als Sie in den Whirlpool stiegen?“

„Ich wollte meine Unterwäsche anlassen, aber er sagte, ich solle sie ausziehen. Er machte Fotos. (...) Dann sagte er, er wolle auch in den Pool kommen. Er ging ins Badezimmer, kam wieder heraus und stieg zu mir ins Wasser.»

„War er bekleidet?“

„Nein. (...) “Er sagte:, Ich bringe dich gleich heim.' Dann ging er an mir runter und fing an, an mir herumzuspielen.”

„Und dann?“

„Dann machten wir es. (...) Ich habe mich nicht richtig gewehrt, da war ja niemand, außer uns beiden.» (...) Ich sagte, er solle aufhören, aber er machte weiter. Er hob meine Beine an und drang von hinten in mich ein.»

Samantha Gailey heißt heute Samantha Gmeier. Sie lebt inzwischen mit ihrem Mann Dave, ein erfolgreicher Immobilienmakler, ihren Kindern, ihrer Mutter und ihrer Schwester in Kauai, Hawaii. Ihr Haus steht direkt am Strand, ein Paradies. Sie will mit dem Fall seit Jahren nichts mehr zu tun haben: “Es ist so lange her, ich verstehe nicht, weshalb sich die Medien noch immer dafür interessieren“, sagte sie Tim Ryan, Reporter beim „Kauai“-Star-Bulletin“. Längst hat sie Polanski verziehen: „Was er mir angetan hat, war falsch, aber ich wünschte, er könnte nach Amerika zurück, so dass wir beide diesen Albtraum hinter uns lassen können. Er hat einen schrecklichen Fehler gemacht, aber er hat dafür gezahlt.“

Polanski ist ein Star. „Chinatown“, „Tanz der Vampiere“ und „Rosemarys Baby“ sind längst Klassiker.

Jetzt wirft sein Fall das gesamte System der internationalen Rechtshilfe über Bord. Schließlich hat sich Polanski jahrelang völlig frei in Europa bewegt. Er inszenierte in Wien, urlaubte in Italien, drehte zuletzt im Frühjahr dieses Jahr auf Sylt im Norden Deutschlands. Stets waren Journalisten dabei, immer wurde groß berichtet, doch kein Richter, kein Staatsanwalt oder Polizist dachte jemals daran, ihn verhaften zu lassen. Selbst die Schweiz nahm dankbar das Geld des Regisseurs. Er besitzt in Gstaad das prächtige Chalet „Milky Way“, war erst im August dieses Jahres dort.

Er versteckte sich nicht, im Gegenteil – alle in dem Nobelort kannten ihn. Weshalb wurde er nicht schon viel früher verhaftet? Warum war der Haftbefehl für Behörden in Deutschland, Italien und Österreich nie ein Thema? Gibts in diesen Staaten keine rechtlichen Grundsätze?

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Sigmar Gabriel - der Neue an der Spitze der SPD. Doch liegen "Harzer Roller" wirklich im Trend? 29,Sep. 2009

Jetzt kommt der Erzengel

Am Ende des deutschen Bundestags-Wahlkampfs hatte er richtig Fahrt aufgenommen – Frank-Walter Steinmeier, deutscher Aussenminister und SPD-Kanzlerkandidat. Es nützte nichts, er stürzte bei der Wahl fürchterlich ab, minus 10 Prozent, ein Desaster. Nun verzichtete er auf den Partei-Vorsitz.

Neuer SPD-Chef wird aller Voraussicht nach Noch-Umweltminister Sigmar Gabriel, ein scheinbar gemütlicher Herr.

Der „Erzengel“, wie sie ihn im Netz bereits nennen, setzte sich in einem brutalen Nach-Wahl-Machtkampf in Berlin durch.

„Sigmar Gabriel“, sagte SPD-Bundestagabgeordneter Hans-Peter-Bartels WELT-ONLINE, „steht für eine junge, neue SPD“. Er wäre ein Parteivorsitzender mit Hinguck-Faktor.

Tja, da wollen wir doch genauer hinsehen.

Parteiintern nennen sie den Schwergewichtigen abwertend „Harzer Roller“, eine Art „Quargel“, wie wir Österreicher sagen. Ausserdem ist Gabriel ein „political animal“, schrieb „Focus“. Er ist kampagnenfähig, arrogant und hat keine ideologischen Scheuklappen.

Sind das wirklich Eigenschaften, die zum SPD-Chef befähigen?

Mag sein. Doch kann ein „Harzer Roller“ die Menschen begeistern? Emotionen auslösen? Wahlen gewinnen. Ein Land bewegen?

Bekannterweise beginnt alles Werben beim Konsumenten.

Eine nicht unbedeutende Gruppe sind Frauen. Diese Gruppe ist über 35 Jahre alt, fit, trainiert und trifft zwei Drittel aller Entscheidungen in deutschen Haushalten. Sie prägen die „she-conomy“, für sie ist Lebensqualität wichtiger als Glamour.

Sie kommen aus einer „cash-rich and time-poor“ Zeit. Heute (er)leben wir „cash-poor and time-rich“. Gefordert ist soziale Gerechtigkeit und gesellschaftliche Akzeptanz trotz Loch im Familienbudget.

In diese Phase platzt nun ein schwitzender Erzengel als Glücksritter der roten Socken, ein „Harzer-Roller".

Gut – sein Amt als Umweltminister hat der frühere niedersächsische Ministerpräsident genutzt, um im In- und Ausland an Profil zu gewinnen.

Perfekt – er hat umweltpolitisch viel bewegt.

Schlecht – er hatte einen Beratervertrag mit VW, vermittelt vom damaligen Personalvorstand Peter Hartz. Peter Hartz stolperte über Korruption und eine brasilianische Nutte.

Vielleicht liege ich falsch und Ex-Kanzler Gerhard Schröder hat ein besseres Gespür für Stimmungen in seiner Partei und in Deutschland. Erst vor zwei Wochen gab sich Schröder in Goslar die Ehre. Hier feierte der neue SPD-Leuchtturm seinen 50. Geburtstag.

„Sigmar Gabriel hat noch viel vor“, beendete Schröder seine Gratulationsrede, „und er hat auch noch viel vor sich.“

Stimmt. Gabriel hat noch viel vor sich. Viel Stress. “Harzer Roller” liegen wirklich nicht im Trend?

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Demoskopen und Finanzanalysten - sie versagten bei der deutschen Wahl und in der Finanzkrise. 28,Sep. 2009

Demoskopen und Bankanalysten – mir geht's wie Franz Josef Wagner, BILD-Starkolumnist. Stets hatte ich tiefe Hochachtung vor «diesen Harvard-Business-School-Absolventen in ihren Brioni-Anzügen».

Damit ist jetzt Schluss!

Vor einem Jahr haben die Analysten kläglich versagt, als sich binnen weniger Tage Milliardenwerte in Nichts aufgelöst haben und Börsengurus als Luftverkäufer demaskiert worden sind.

Jetzt ist die Sozialforschung bei der deutschen Bundestagswahl abermals spektakulär gescheitert.

Die Wähler haben sich glasklar für Schwarz-Gelb entschieden und nicht für die prognostizierte Zitterpartie, ein neuerliches Fiasko für die Umfrage-Experten.

Hütchenspieler und Demoskopen!

Keiner der Feldforscher hat den dramatischen Totalabsturz der SPD gerochen, alle haben bloss von einem Absacken Merkels gefasselt.

Wochenlang haben die Demoskopen suggeriert, der kämpferische Frank-Walter Steinmeier und seine geschlossene SPD seien auf dem Vormarsch, so, als wäre ganz Deutschland in einem „Steinmeier-kann-Merkel-schlagen“-Taumel: „Wer aufholt kann auch überholen“, haben sie vermittelt, doch das ist eine glatte Lüge gewesen, oder Dummheit, oder beides.

„Wie die Kuh, wenn’s donnert“! So haben sich die Demoskopen in Interviews nach dem Wahlergebnis präsentiert. So hat auch Dirk Müller im Herbst 2008 ausgesehen, als in aller Welt die Kurse nach unten gerasselt sind.

Dirk Müller ist „Dirk the Dax“, 39-jähriger Kursmakler „am Parkett“ der Frankfurter Börse.

Er gilt als Popstar der deutschen Börse. Nicht deshalb, weil er vor den dramatischen Kursstürzen gewarnt hätte, nein, er ist deshalb zum Star geworden, weil er den Medien im Moment der Krise einen Gesichtsausdruck der völligen Fassungslosigkeit geliefert hat.

An diesen Gesichtsausdruck fühlte ich mich erinnert, als am Sonntag-Abend fassungslose Demoskopen um müde Erklärungen gerungen haben für die ruinöse SPD-Schlappe. Sprachlosigkeit, so, als sei Demoskopie ein Hütchenspiel.

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Merkel und Westerwelle - der Schwarz-Gelbe-Durchmarsch in Deutschland. 27,Sep. 2009

„It’s the economy, stupid“ , hat der frühere US-Präsident Bill Clinton gesagt und gewonnen.

“Wir brauchen kein Wunschkonzert sozialer Wohltaten – wir benötigen eine martwirtschaftlich orientierte Reformkoalition“, haben die deutsche Kanzlerin Angela Merkel (CDU/CSU) und FDP-Chef Guido Westerwelle gepredigt.

Das neue Traumpaar hat die Wahl in Deutschland gewonnen. Schwarz-Gelb ist da.

Die roten Krieger haben im Endspurt wohl Angst vor ihrer eigenen Courage bekommen. SPD-Chef Frank-Walter Steinmeier ist schlimm abgestraft worden, hat mehr als 10 Prozent verloren, das schlechteste Ergebnis aller Zeiten.

Sehnsucht nach Sicherheit

Die Wähler sind jenen gefolgt, die vor einem rot-rot-grünen Teufel gewarnt haben: „Die Programme von Rot-Rot-Grün, die längst eine Koalition für einen autoritären Umverteilungsstaat vorwegnehmen, sind Untergangsszenarien für ein Land, das sich ehrgeizig den Herausforderungen der Krise stellen will. Die Finanzkrise wird als Vorwand missbraucht, den in allen drei Parteien vorhandenen (und gepflegten) Antikapitalismus möglichst populär unters Volk zu bringen“, hat Ulf Poschardt geschrieben, stellvertretender Chefredakteur der „WELTamSONNTAG“: „Wer dort sein Kreuz macht, obwohl er selbst ökonomisch darunter leiden müsste, folgt einer Tradition des Selbsthasses.“

Diese Wahl ist ein Aufbruch zum Vernünftigen gewesen. Weg vom sozialromantischen Stilwähler, hin zu Pragmatikern.

Die Menschen trauen dem Duo Merkel/Westerwelle einfach mehr Wirtschaftskompetenz zu als einer wilden Farben-Koalition.

Vorallem Angela Merkel, die im Wahlkampf scheinbar Passive, hat Männer und Medien im Griff – die protestantische Pastorentochter aus dem Osten, hat in den vergangenen vier Jahren Deutschland und teilweise sogar Europa so selbstbewusst regiert, dass viele für die CDU stimmten, obwohl sie die Partei gar nicht mögen. Sie haben Merkel gewollt und haben sie wieder bekommen.

Sehnsucht nach Harmonie!

„Es ist klug von ihr gewesen, das konsensuelle Element im Wahlkampf hochzuhalten, obwohl das zu ihren Lasten ging (sie verlor leicht)“, hat die „Süddeutsche“ geschrieben, „es hat ihrer Beliebtheit nicht geschadet, dass sie nicht auf ihre Gegner losging.“

Anders als bei der Nationalratswahl 2006 in Österreich, als der haushohe Favorit Wolfgang Schüssel abgewählt worden ist, weil er sich zu passiv verhalten hat, haben die 62,2 Millionen deutsche Wähler den „Harmonie-Wahlkampf“ Merkels wohltuend empfunden.

Westerwelle's Lebenstraum!

Die Wahl am Sonntag hat die Weichen gestellt. Eine Mehrheit der Deutschen will, dass Angela Merkel das Land weiter regiert. Die Liberalen sind aber die eigentlichen Wahlgewinner. Die FDP hat sich auf das Allzeit-Hoch von rund 15 Prozent verbessert. Für Guido Westerwelle (47) wird damit ein Lebenstraum wahr. Schon im Wahlkampfendspurt ist er in Hochstimmung gewesen, gelöst wie nie, obwohl er ein enorm hohes Risiko gegangen ist: „Es gibt nichts anderes als Schwarz-Gelb“, hat er sich schon früh festgelegt. Die Strategie ist aufgegangen. „Nur Glaubwürdigkeit, nur Standhaftigkeit treiben der FDP die Stimmen zu“, hat er getrommelt. Er hat Recht behalten.

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Stefan Raab - das verrückte Ergebnis seiner Wahl-Show. Absturz der SPD, Sieg der Linken.Piraten pushten per Flashmob. 27,Sep. 2009

Das war krass und wird mit dem Ausgang der deutschen Bundestagswahl wohl nicht viel zu tun haben!

In Stefan Raabs Wahl-Showdown „TV total Bundestag“ (Pro7) stimmten die Zuschauer per Telefon und SMS ab. Das Nonsens-Ergebnis – Gregor Gysi ‘s Linke erhielt 20,5 Prozent und Westerwelles FDP 19,9 Prozent. 26,6 Prozent der Stimmen gingen an die Union, die SPD zerbröselte – nur 17,7 Prozent stimmten für die Sozialdemokraten. 15,4 Prozent an Bündnis 90/die Grünen. Großzügig mit Guthabenkarten ausgestattete Linkspartei-Anhänger und per Flashmob organisierte Piraten haben da wohl das Voting gepusht.

Die SPD stürzte im Schnitt um 20 Prozent ab, auch die CDU verlor leicht, während FDP und Linke meist stark zulegen konnten. Selbst als die Zahlen am Ende noch mit einem mysteriösen Koeffizienten geglättet wurden, lagen Linke und FDP klar vor der SPD.

Eines zeigt dieses verrückte Ergebnis aber – angesprochen wurden mit der Pro-7-Sendung vor allem junge Leute. Auch Jugendliche unter 18 Jahren durften ihre Stimme abgeben. Und die voten eben anders.

Krasses Ergebnis, Top-Gäste

Dass die Politiker die Klamauksendung durchaus ernstgenommen haben, zeigte die Gästeliste im Studio: Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (37, CSU) Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (50, CDU) SPD-Chef Franz Müntefering (69) und FDP-Chef Guido Westerwelle (47). Grünen-Politiker Jürgen Trittin (55) und Gregor Gysi (61, Die Linke)

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Angela Merkel (CDU/CSU) - erleidet sie am Wahltag ein Wolfgang Schüssel-Schicksal? 25,Sep. 2009

Der Countdown zur deutschen Wahl läuft, die Nervosität steigt: Das Umfrageinstitut Forsa sieht Angela Merkel kurz vor der Bundestagswahl nur noch bei 33 Prozent, ein Alarmruf. Das ist der schwächste Wert seit einem halben Jahr. Schwarz-Gelb ist damit ohne Mehrheit. Erleidet Merkel gar ein Wolfgang Schüssel (ÖVP) Schicksal?

Totaler Absturz!

Der österreichische Ex-Kanzler lag bei der Nationalratswahl 2006 scheinbar uneinholbar vorne. Wochenlang demonstrierte er triumphierende Überlegenheit und vergass dabei auf aktiven Wahlkampf. Die Österreicher wählten Schüssel ab, er verlor acht Prozent, unverhofft kam SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer an die Macht.

In Deutschland könnte am Sonntag Ähnliches passieren: Die gesamte CDU-Stossrichtung war im Wahlkampf auf Kanzlerin Merkel zugeschnitten, ein Fehler. „Die Wähler dürfen wählen, aber Angela Merkel bleibt ohnehin Kanzlerin“, wurde argumentiert, auch in den Medien. Nun hat sich die Sache gedreht.

Merkel gab im Wahlkampf ein schwaches Bild ab, selbst bei den TV-Duellen fehlte der Siegeswille, der letzte Biss. Sie agierte “weich und unentschlossen”, analysiert Publizist ANDREAS UNTERBERGER, Chefredakteur der “Wiener Zeitung”, in seinem Gast-Blog (http://www.ortneronline.at).

Er wirft deshalb die Frage auf: «Sind die Bürgerlichen zu faul? Oder zu nobel? Begreifen sie nicht, dass zur Mobilisierung für den Wahltag auch Emotionen – positive wie negative – unverzichtbar sind? Oder hängt jenes Phänomen eher mit dem linken Wählerlager zusammen, das nicht mehr kadergehorsam ist, sondern nur noch mit großer Mühe und sehr spät mobilisierbar ist?»

Treffender kann man es nicht formulieren.

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New York - nach den Auftritten von Libyens Gaddafi und Irans Ahmadinedchad vor der UNO - wer braucht diesen zahnlosen Verein? 25,Sep. 2009

Hilflos, kopflos, zahnlos! Es ist eine seltsam beklemmende Episode der Weltgeschichte – zuerst streckt US-Präsident Barack Obama vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen die Hand zur Zusammenarbeit aus. Dann folgen zwei bizarre Auftritte egozentrischer Fantasiepolitiker, die bloss deshalb mächtig sind, weil ihnen eine Laune der Geologie unverdienten Ölreichtum verschafft hat:

- Revolutionsführer Muammar Gaddafi, libyscher Langzeit-Staatschef und Ex-Terrorist, der sich seit vier Jahrzehnten auf das Geschäft der Geiselnahme versteht. Derzeit hält er zwei Schweizer Konzernchefs gefangen.

- Präsident Mahmud Ahmadinedchad, durch Wahlbetrug und Schlägertrupps an der Macht gebliebene Mullah-Marionette im Iran. Ein Irrer, der seine Frau versteckt und von Atomwaffen träumt.

Diese Exzentriker konnten sich vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen (192 Mitglieder) ungestört austoben.

Und die UN? Die reagierte mit Totstellen. Auf eine derartige Weltorganisation kann die Welt getröstet verzichten.

Gaddafi, dessen Land turnusmäßig den Vorsitz der UN führt, warf den Vereinten Nationen tobend vor, ihre eigene Charta zu brechen. Schließlich sei in der Präambel vorgeschrieben, dass alle Länder unabhängig von ihrer Größe gleichberechtigt seien, schäumte er mit dem Ausdruck triumphierender Überlegenheit. Dennoch seien die meisten Staaten nicht im Sicherheitsrat vertreten, die fünf Vetomächte hätten das alleinige Sagen. „Das ist Terrorismus“, klagte der Erfinder der Geiselnahmen als politisches Instrument. Gaddafi: „Er sollte nicht Sicherheitsrat heißen, sondern Terrorrat“, geiferte die alternde libysche Diva und versuchte dabei ein Exemplar der UN-Charta zu zerreißen, doch dazu war er nicht in der Lage. Letztlich warf er die Charta verächtlich zur Seite.

Ahmadinechad-Rede: Stiller Protest

Auch der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedchad wählte die Schaum-vorm-Mund-Provokation, sprach vom Völkermord an Palästinensern und attackierte Israel: „Es darf nicht sein, dass eine kleine Minderheit die Welt beherrscht, andere quasi als Sklaven hält, um ihre rassistischen Ziele umzusetzen.“

Niemand pffif. Keiner warf einen Schuh. Als Protest verliessen einige Diplomaten lediglich den Plenarsaal, als würde das Despoten dieser Prägung beeindrucken.

Welt-Plattform für Hass

Es war vorhersehbar, dass beide Redner die Provokation suchen würden. Gaddafi wollte im Vorfeld der UN-Generalversammlung die Schweiz als unabhängigen Staat zerschlagen – als Rache dafür, weil einer seiner Söhne in Genf in Haft genommen worden ist. Gaddafi-Junior hatte seine Angestellten misshandelt.

Irans Präsident Mahmud Ahmadinedchad wiederum liess als Wahlbetrüger die Opposition in seinem Land niederknüppeln, ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Unsichtbarer Mann in New York.

Anstatt markanter Worte wurde apathisch geschwiegen. Die UNO reagierte reflexhaft mit Totstellen, darin hat sie Tradition. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon, ein Südkoreaner, hat kein Charisma, keine Führungskraft: „Er ist passiv, ihm mangelt es an Durchsetzungsvermögem, sein Auftreten ist ungelenk, seine Rhetorik hölzern“, klagte erst kürzlich mutig die norwegische UN-Diplomatin Mona Juul: „Er ist der unsichtbare Mann der UNO“.

Ein UN-Generalsekretär muss aber vernehmbar sein: klar, leidenschaftlich, kompromisslos.

Ban Ki Moon verfügt aber bloss über Anstand, Integrität, Fleiß und Einsatzbereitschaft und – über monumentale Hilflosigkeit. Daran wird sich natürlich auch nichts ändern, solange die UNO so verfasst ist, wie sie ist: Denn jeder Schurkenstaat findet im Zweifelsfall noch einen russischen oder chinesischen Paten, der für ihn kraft seines Vetos den Sicherheitsrat lahmlegt, bis die jeweilige Diskussion beendet ist. „Auf eine derartige Weltorganisation kann die Welt getröstet verzichten“, schrieb der österreichische Autor Christian Ortner unlängst: „Sollten die UN eines Tages wider Erwarten verschwinden, würde sie bestens von der Lücke ersetzt werden, die sie hinterließe. Machte man aus der UNO-City dann ein Heim für Alzheimerpatienten, wäre der Immobilie wahrscheinlich eine würdige und effizientere Nutzung beschieden als jetzt“.

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